Clawfinger – Before We All Die

Clawfinger
(c) Peter Bjöns

Rap Metal und Nu Metal sind zurück – nachdem diese Stilrichtungen in den vergangenen Jahren ein ziemliches Schattendasein fristeten, sorgt aktuell vor allem eine junge Generation für ein massives Revival des Crossover-Sounds. Der ideale Zeitpunkt also für die Pioniere von damals, wieder aus dem Schatten zu treten – und genau das tun Clawfinger. Ihr Debütalbum „Deaf Dumb Blind“ sorgte 1993 für ordentlich Aufsehen und auch der Nachfolger „Use Your Brain“ mit dem Hit „Do What I Say“ war ein Abräumer, während das 2001 erschienene „A Whole Lot Of Nothing“ für ein kleineres erstes Comeback der Stockholmer sorgte. Danach erschienen jedoch ausschließlich mäßige Alben, die nur wenig erfolgreich waren, seit 19 Jahren herrschte gar komplette Funkstille. Bis jetzt: Das Quintett um Frontmann Zak Tell meldet sich mit „Before We All Die“ zurück und beweist, dass Clawfinger auch 2026 noch ordentlich für Aufregung sorgen können.

Ob das Comeback nach fast zwei Jahrzehnten zündet, muss die Zeit zeigen – das Potenzial für neue Genre-Hymnen ist jedoch unübersehbar. Textlich bleiben sich Clawfinger treu und liefern gewohnt politisches Dynamit ab, verzichten dabei aber glücklicherweise auf lyrische Fehltritte wie das gut gemeinte, aber unglaublich plumpe „N—-r“ des Debüts. Stattdessen setzt bereits der Opener „Scum“ ein unmissverständliches Statement: ein massives Riff-Gewitter als musikalischer Stinkefinger gegen neurechte Hetze und Autokraten. Während der Song vor allem durch rohe Härte und Druck besticht, vermisst man hier noch die großen Melodiebögen – doch die liefern die Schweden prompt mit „Ball & Chain“ nach. Die düstere Clubnummer frisst sich sofort in die Gehörgänge und untermalt die lyrische Auseinandersetzung mit Identitätskrisen und der quälenden Sinnsuche perfekt mit einer melancholischen, schweren Atmosphäre.

Auch in den weiteren Songs bleibt das Album klar auf politischem Kurs: Der eingängige Midtempo-Kracher „Tear You Down“ behandelt das Thema gesellschaftliche Spaltung, das wuchtige, im Refrain aber leider zu wenig melodieorientierte „Big Brother“ setzt sich mit dem freiwilligen Verlust von Privatssphäre in sozialen Medien und Unterhaltungsindustrie auseinander, und „Linked Together“ setzt den Fokus auf Empathie und Solidarität in Zeiten sozialem Unfrieden und Klimakatastrophe. Für einen unerwarteten Stilbruch sorgt die weitgehend gitarrenfreie Rapnummer „A Perfect Day“, die erst zum Finale hin mit massiven Verzerrereffekten voll aufdreht und so für die nötige klangliche Abwechslung sorgt. Ein absolutes Highlight markiert der Text des anschließenden „Going Down (Like Titanic)“: Mit bitterbösen Metaphern umschreiben Clawfinger hier den drohenden Kollaps unserer Gesellschaft. Den musikalischen Sack macht schließlich „You Call Yourself A Teacher“ zu – der Song gegen falsche Autoritäten hat definitiv Ohrwurmcharakter.

Unter den verbleibenden Tracks sticht besonders „A Fucking Disgrace“ hervor: Hier wagen Clawfinger einen überraschenden Flirt mit staubigem Blues und Südstaaten-Rock. Im Kontrast dazu entpuppt sich „Kill The Dream“ eher als klassische Füllnummer – solide Kost, aber ohne bleibenden Eindruck. Glücklicherweise korrigiert das elektronisch angehauchte „Environmental Patients“ die Spannungskurve sofort wieder nach oben, bevor der Titelsong „Before We All Die“ das Album gewaltig abrundet. Gelegentlich mag die Scheibe musikalisch etwas eintönig wirken – ein altbekanntes Clawfinger-Manko, das die Band diesmal jedoch geschickter umschifft als auf älteren Werken. Starke Texte und mutige stilistische Ausreißer halten das neue Material frisch. Unter dem Strich ist „Before We All Die“ ein echtes Highlight im Clawfinger-Katalog und markiert ein Comeback, das man nur als gelungen bezeichnen kann!

Wertung: 4/5

Erhältlich ab: 20.02.2026
Erhältlich über: Reigning Phoenix Music / Perception Records (Edel)

Website: www.clawfinger.net
Facebook: www.facebook.com/clawfinger.net