Philine Sonny – Virgin Lake

Ein Kraftakt mit viel Herz und Offenheit begleitet Philine Sonny nach zwei EPs zum ersten kompletten Album. Sie lässt das eigene Schlafzimmer hinter sich und holt sich erstmals weitere befreundete Musiker:innen ins Boot, um den Sound auszubauen. Geworden ist es ein Werk in vier Akten, teils inspiriert von Benedict Wells‘ Coming-of-Age-Roman ‚Hard Land‘, der das wütende, sehnsüchtige Kind erst mit Selbstmitleid konfrontiert, später Freude entdecken lässt und schließlich beide Welten miteinander verbindet. „Virgin Lake“ kehrt das Innerste nach außen und setzt die Suche nach Verständnis, Balance und Selbstentwicklung konsequent fort.
Dabei geht es alles andere als einfach los – mit dem leicht verwaschenen und doch so klaren „The Band“ dessen schonungslose Schwere auf gelegentliche Leichtfüßigkeit trifft und damit nicht zum letzten Mal gewisse Gegensätze bemüht. „Outrun“ knüpft – im wahrsten Sinne des Wortes – direkt daran an, zeigt den Mittelfinger und packt dicke Gitarren aus. Als krasser Gegensatz geht „Back Then (I Was Something)“ durch, inmitten aller Ecken und Kanten positiv gestimmt. Mit Brockhoff und Shelter Boy wurden, passend zur euphorischeren Grundstimmung, tatsächlich Freunde ins Studio eingeladen, die Mundwinkel ziehen nach oben. Musikalisch lassen unter anderem Jade Bird und Alex Lahey grüßen.
Die sympathische Eigendynamik der deutlich offeneren zweiten Albumhälfte, die mit allen Kontrasten des Lebens grundehrlich umgeht, hat ebenfalls ihren Reiz. Da wäre beispielsweise „Rotten Fruit“, eine bewegende Ballade über tiefsitzenden Schmerz, oder das krasse Gegenteil „Dog Bite“ mit flotter Instrumentierung und der deutlichen Erkenntnis, dass einfach alles besser werden muss. Das gilt hoffentlich auch für „Gatekeeper“, ein Song über die nach wie vor männerdominierte Musikwelt, der – obwohl bereits vor drei Jahren geschrieben – herzlich wenig an Aktualität eingebüßt hat. Schließlich lässt das ellenlange „Made For You“ das Bewusstsein strömen, eine siebenminütige zaghafte und doch so wichtige Umarmung.
Es mag eine ganze Weile dauern, bis diese fast 60 Minuten ihre volle Strahlkraft entfalten, doch wenn es schließlich so weit ist … eine Offenbarung. „Virgin Lake“ sucht und findet seinen Platz in der Welt, kämpft hörbar mit der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, weiß aber zugleich um freudigere Tage, um Hoffnung und rauschende Endorphine, die sich wieder und wieder an die Oberfläche kämpfen. Doch auch ohne den konzeptuellen, textlichen Aspekt ist der Einstand auf Albumlänge wahrlich magisch geworden, drängt sich in eine Riege mit den großen nordamerikanischen, britischen und australischen Sänger/Songwriterinnen, und findet dabei einen im besten Sinne komplett eigenen, beherzten Ansatz. Philine Sonny hat schon jetzt eines des Überalben des Jahres vorgelegt.
Wertung: 4,5/5
Erhältlich ab: 03.04.2026
Erhältlich über: Nettwerk
Instagram: www.instagram.com/philinesonny
