Robyn – Sexistential

In einer Zeit grober Einschnitte und persönliche Veränderungen kann die Rückkehr zu Vertrautem Wunder wirken. Nach dem etwas clubbigeren „Honey“ ging es für Robyn erst in eine kleine private Pause, die letztlich zur Neuausrichtung führte. Ihren im Sommer 2023 geborenen Sohn zieht sie alleine groß, zudem beschäftigten sie Themen wie Identität, Intimität, Sexualität, Unabhängigkeit und Nähe intensiv. Die Arbeiten am mittlerweile neunten Studioalbum begannen bereits 2020, als die Welt die Grenzen dichtmachen musste, was zur Zusammenarbeit mit schwedischen Weggefährten fühte. Und doch klingt „Sexistential“, die Rückkehr zu typischen Popsongs, alles andere als gewöhnlich.
Sinnlichkeit und Verletztlichkeit stehen sich oft diametral gegenüber. Die biologischen Prozesse zwischen Lust und Bedürfnis in „Dopamine“ verbindet Robyn eng mit ihrer IVF-Behandlung, durch die sie letztlich schwanger wurde. Zwischen diesen beiden Ebenen ergibt sich ein treibender, gewohnt schillernder Popsong mit tanzbaren Untertönen und einer mächtigen Hook, die ein wenig an die seeligen „Body Talk“-Tage erinnert. Dass mit dem folgenden „Blow My Mind“ ein Rückgriff auf einen noch älteren Song erfolgt, um diesen ins Hier und Jetzt zu holen und mit ihrem Sohn gewidmeten Zeilen zu versehen, passt ins Bild.
Der Titelsong ist hingegen so ‚in your face‘ wie menschenmöglich, räumt mit Anlauf ab und haut ein bisschen House raus – 139 Sekunden, minimalistisch und drückend. Das kann man machen, weiß zu unterhalten. Wie auch „Into The Sun“, ein schillerndes Stück Electro-Pop mit viel Herz und der betonten Rückkehr zum Selbst. Ebenfalls sympathisch ist „Talk To Me“, für das Robyn erstmals seit über 15 Jahren wieder mit Max Martin zusammenarbeitete. Selbstverständlich sorgt das für einen richtig eingängigen, leicht schrägen und wunderbar pulsierenden Abräumer. Der schroffe Opener „Really Real“ will ebenfalls nicht unerwähnt bleiben, schleicht sich vorsichtig an und verbindet eine der besten Gesangsmelodien dieser Platte mit technoider Intensität.
Übermäßig lang hält sich Robyn mit diesem Comeback-Album nicht auf, nach neun Songs bzw. einer halben Stunde ist schon wieder Schluss. Macht aber nix, denn was hier geboten wird, räumt von der ersten bis zur letzten Sekunde ab. Deutlich mehr Pop, viel Sinnlichkeit, aber auch die so vertraute Fragilität und eine wesentliche Portion Humor sind auf „Sexistential“ vertreten. Hier finden sich Songs und Ideen, die auch vor zehn bis fünfzehn Jahren – zumindest in abgewandelter Form – prima funktioniert hätten, die dennoch stets mit beiden Beinen fest im Hier und Jetzt stehen, perfekt zum Zeitgeist passen. Dieses Wandeln zwischen Welten und Epochen zeichnet Robyn einmal mehr aus und unterstreicht ihren Status als Königin herzhafter, energischer Popmusik.
Wertung: 4/5
Erhältlich ab: 27.03.2026
Erhältlich über: Konichiwa / Young / Beggars Group (Indigo)
Website: www.robyn.com
Facebook: www.facebook.com/robyn
