SALÒ – Hardcore

Eine Welt, die längst endgültig desensibilisiert sind, braucht Musik, die keinerlei Rücksicht auf etwaige Befindlichkeiten nimmt. SALÒ legt die Antithese zu Wohlfühlmusik vor. Auf seinen bisherigen Alben und EPs vermischte der mittlerweile in Wien ansässige Steirer Punk, Rock, Electro, Pop, Alternative und bewusst deutliche, knackige Texte. Die permanente Eskalation der Gegenwart, das Doomscrollen als Freizeitvertreib und fast omnipräsente Aussichtslosigkeit begleiten auch den neuesten Streich. „Hardcore“ zerlegt den Status Quo mit ausgesuchter Präzision und reißt dabei in aufgehende Gräben hinab.
Die in „Jello Biafra“ thematisierte Wohnraumkrise (der Refrain zitiert den Dead Kennedys-Track „Let’s Lynch The Landlord“) klingt gleichzeitig eingängig und unbequem, eine der großen Stärken dieser Platte. Die wütenden, kompromisslosen Vocals brennen sich ebenso ein wie die sympathische Gitarre mit mächtiger Hook. Hingegen packt „Richard Lugners Frau“ (der Song) ein recht klassisches Punk-Riff aus und zieht sich zwischendurch in die Garage zurück. Champagner ersetzt Arbeitslosigkeit an Mörtels rotem Grabstein. Klingt leicht makaber, passt aber wunderbar ins Bild und geht zudem direkt ins Ohr.
Auf Befindlichkeiten gibt die Band so und so herzlich wenig. Dazu passt das Eröffnungsdoppel natürlich bestens. „Rotten.com“ macht die Abgestumpftheit des Alltags zum Thema und sieht Gore als Dauerphänomen im Newsfeed. Einige Zeilen sind auf schmerzvolle Weise aktueller denn je, begleitet von erdrückendem Bassgrollen. Danach bemüht sich „Ich streichle Tauben“ um bizarre Zeilen, die in Wahrheit eine nahezu biedermeierhafte Ausflucht ins Idyll beschreiben. Oder eben post-urbane Prokrastination im Angesicht der gesellschaftlichen Selbstzerfleischung. Probleme sollen andere lösen, hier dominiert die knackige Gitarre.
Markige Sprüche, präzise Zeilen und musikalische Vielfalt bestimmen diese Platte, in unter einer halben Stunde ist schon wieder Schluss. Stört aber nicht, denn in dieser Kürze trifft SALÒ wieder und wieder mitten ins Herz, ins Hirn und packen gleich noch einen Leberhaken drauf. Das kann man machen, das muss man fast machen, um sich Gehör zu verleihen. Selbst wenn man den giftigen Texten auf „Hardcore“ gerade nicht lauschen möchte, bleibt unterm Strich eine mehr als kurzweilige Platte mit Herz im XXL-Format, die durch verschiedenste Punk- und Rock-Subgenres führt, von einem bellenden wie charmanten Sänger begleitet. Eben exquisite Musik, um Tauben und anderes Federvieh zu streicheln.
Wertung: 4/5
Erhältlich ab: 10.04.2026
Erhältlich über: Phat Penguin Records (FUGA)
Facebook: www.facebook.com/salomusik
