van Kraut – Atmen

van Kraut
(c) Tina Polster

Das Private und das Politische werden weiterhin möglichst eng verschränkt – eine Entwicklung, die aktuell viele Musiker:innen aus gesellschaftlichen und geopolitischen Gründen fast notgedrungen vorantreiben. Christoph Kohlhöfer ist da keine Ausnahme, bloß hat das bei ihm Methode. Als van Kraut setzt er seit über einem Jahrzehnt seine rasiermesserscharfte Beobachtungsgabe ein und beglückt mit doppelten Böden der unvermittelt zupackenden Art. „Atmen“ ist – je nach Zählweise – das dritte oder vierte Album der Ein-Mann-Band und verbindet angenehm Vertrautes mit Magie auf den zweiten bis dritten Blick.

„Späne“ eröffnet die Platte erstaunlich beschwingt und steuert sogar ein wenig in Richtung Indie-Dancefloor. Wo gehobelt wird, da fallen bekanntlich Späne, doch sind diese hier das Menschliche, das Miteinander. Langsam, aber sicher wird die gesellschaftliche Gefühlskälte angesteuert, wenngleich diese eindringliche Umsetzung absolut Laune macht, die Zeichen binnen Sekunden auf Hit stellt. Ein solcher ist auch „Melatonin“, dessen zittrige Präsentation panische Unruhe durch Schlaflosigkeit symbolisiert. Der Verfall der eigenen mentalen Gesundheit zieht weite Kreise und spuckt aus dem Nichts einen fantastischen wie erschöpfenden Refrain aus.

Nervöse Synergien im Zeichen kapitalistischer Endzeit-Logik bemüht das pointierte „Den Kaffee hab ich echt vermisst“. Letzte Schichten des Widerstands werfen Blasen, das Herz kapituliert und doch kann der mächtige, scharfkantige Chorus die Unruhe weiter befeuern. Dass es in „Auch Scherben spiegeln“ nicht um eine romantische Beziehung geht, wird erst spät klar, doch hat sich das lässige, gleichzeitig beißende Blubbern bis dahin längst eingebrannt. Und das Saxofon atmet weiterhin schwer. Schließlich ringt „Atmen“ um die innere Mitte. Der abschließende Titelsong möchte durch gezielte Atemübungen Abstand schaffen und findet sich dabei – nicht nur musikalisch – in einer endlosen Schleife weiter, die zunehmend eskaliert.

Man muss schon ganz genau aufpassen, um von dieser Platte nicht komplett überrollt zu werden. Das langsame, aber stete Aufbäumen geschieht fast unbemerkt, gerade nach den anfänglich fieberhaften Songs, hinter denen letztlich erstaunlich viel mehr als ’nur‘ Indie-Post-Punk-Hymnen stecken. „Atmen“ erklärt die Texte zum Star, was angesichts der Qualität keine Kunst ist. Die nicht minder starke Musik sollte dabei keinesfalls außer Acht gelassen werden. Kohlhöfer und Mitstreiter durchleben eine wahre kreative Metamorphose, spielen mit vielfältigen Möglichkeiten kompromissloser Verfremdung und gehen dabei dennoch ins Ohr, wieder und wieder. Dieses Kunststück sorgt einmal mehr für hohen Unterhaltungswert und setzt die Serie starker nicht-krautiger Releases gekonnt fort.

Wertung: 4/5

Erhältlich ab: 10.04.2026
Erhältlich über: DIAN Recordings

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