Mule Jenny – Take Enough Leeway

Mule Jenny
(c) Junebro Kate

Vor fünf Jahren rief Etienne Gaillochet (u. a. We Insist!, Zarboth, Harmonic Permanent Drive) sein Soloprojekt Mule Jenny ins Leben und veröffentlichte ein erstes, hochgradig eklektisches Album. Mit Max Roy und Théo Guéneau von Lysistrata wurde daraus eine komplette Band und zugleich ein kleiner kreativer Neustart. Umfassende Probe- und Songwriting-Sessions, bloß drei Tage im Studio und ein Mut zum Risiko brachte den nun generalüberholten Mix aus Prog, Noise, Pop, Post-Hardcore, Math und Alternative hervor. „Take Enough Leeway“ traut sich etwas und stellt Hörgewohnheiten mit wachsender Begeisterung auf die Probe.

Dass der längste Song der Platte selbige eröffnet, passt ins Bild: „Liberty’s For Sale“ nimmt sich stolze sieben Minuten Zeit, um die sprichwörtliche Spreu vom Weizen zu trennen. Math-Gitarren, Stakkato-Ausritte und gallige wie mitreißende Vocals servieren noisigen Anti-Prog der vertrackten Sorte, in der zweiten Hälfte manisch bis verträumt, bis zum überraschend unscheinbaren Outro. Die kurze und doch alles andere als knappe Antwort könnte „Flakes Are Falling“ sein, ein erstaunlich düsteres Kapitel, das sich nach und nach aus der Umklammerung ominöser Geisterwelten befreit und mächtig Katharsis aus den Boxen pustet. So muss Distortion.

Und doch kratzt man immer noch an der Oberfläche. In „Outsiders“ sorgt das flotte, fast jazzige Math-Arrangement mit Beatles-Pop-Harmonien für Verwirrung – himmlisch und melodisch, zugleich jedoch kauzig und komplex. Kurze, heftige Wutausbräuche und erneutes finsteres Abebben nähern sich der Überforderung. „We Need Some Air“, das empfinden wohl viele nach diesem Album. Der konstante Aufbau zu einem unsichtbar bleibenden Höhepunkt geht ohne Umwege unter die Haut und macht nervös. Hier sollte eigentilch etwas geschehen, doch ist dieses Verharren so wundervoll. Wie auch die hibbelige Hektik von „Pull Yourself In Someone Else’s Shoes“ seinen Reiz hat, in kürzester Zeit durch mehrere Math-Prog-Akte fährt und dabei mit einer feinen Hook überrascht.

Nichts hieran ist auch nur ansatzweise einfach und zugänglich, und doch hat dieser bizarre Sound Methode, brennt sich ein und lässt nicht los. Mute Math, Fugazi und Vola sind nur einige Vergleiche, die sofort ins Hinterstübchen schießen und das Geschehen doch bestenfalls nur ungefähr umreißen. „Take Enough Leeway“ ist ein befremdliches und beglückendes Wunderwerk, das alles abverlangt und den Einsatz fürstlich entlohnt. Mule Jenny wollen überraschen, mit ihrem feinen Händchen für das Unvorhersehbare, erzeugen komplexe Arrangements und spielen mit wechselhafter Atmosphäre, rauben den Atem, zerlegen den Verstand und liefern somit das perfekte Stimmungsbild zum Hier und Jetzt – ein aufregendes, ungewöhnliches Happening.

Wertung: 4/5

Erhältlich ab: 19.09.2025
Erhältlich über: Vicious Circle Records

Facebook: www.facebook.com/mulejennyband