Kind Kaputt – Ins Blau

Einfach machen. Nicht erst auf Morgen warten. Den Tag siezen. Letzterer Punkt sollte anders lauten, ist aber egal. Denn Kind Kaputt regen dazu an, ewiges Grübeln abzulegen und ausnahmsweise im Hier und Jetzt zu leben, ohne stets an die Vergangenheit oder die Zukunft zu denken. Das äußerte sich unter anderem im Songwriting für ihr mittlerweile drittes Album. Anstatt erst instrumental genau auszuarbeiten und danach die Lyrics zu schreiben, entstanden sämtliche Elemente bevorzugt gleichzeitig. Dadurch auf das Wesentliche reduzierte Arrangements und das Bekenntnis zum Leben im Moment lässt „Ins Blau“ gekonnt wachsen und gedeihen.
Besonders eindrücklich gelingt das mit dem Titelsong, der sich um Zögern, um Zaudern und FOMO dreht. Hat man zu viel überlegt und zu viel gegrübelt, anstatt einfach zu machen? Die Angst der verpassten Gelegenheiten trifft auf einen beherzten, hochgradig melodischen Track mit knackigem Drive und einer der besten Basslines des gesamten Albums. Direkt im Anschluss folgt die sarkastische Antwort in Form von „Wie geht denn das“. Zwischen NDW und Noise-Punk sowie einer Prise früher Wir sind Helden wird überlegt, ob und wie die Hürden des Alltags überwunden werden können – vom Abwählen sämtlicher Tracking-Cookies bis hin zu lähmender Anxiety.
„Gleich“ mit Haxan030 von Kora Winter erhöht die Schlagzahl deutlich, geht zurück zum Post-Hardcore der Anfangstage und setzt die wütenden, furiosen Gast-Screams gekonnt in Szene. Anders und doch gleich – mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Das pulsierende, knackige „Teilnehmerurkunde“ räumt ab der ersten Sekunde mit ausgesuchter Präzision ab, drückt stellenweise das Gaspedal durch und hat doch das nötige Gefühl für die feinen Momente zwischendrin. „Fernglas“ liebt das Midtempo, fast groovende Schwere und abgeklärte Coolness. Ob das Gras jenseits des Ozeans grüner ist, beantwortet auch das angenehm klassische Gitarrensolo nicht.
Wobei zu diesem Zeitpunkt bereits so ziemlich alles gesagt ist. Kind Kaputt wirken kompakter und konzentrierter denn je, lassen die Songs spontaner und unmittelbarer auftreten, ohne sich auch nur einen Zentimeter zu verbiegen. „Ins Blau“ bewegt sich in weitestgehend vertrauten Gefilden, holt sich ein wenig frischen Wind hinzu (mal groovend, mal tanzbar, mal unheimlich schroff) und baut doch stets bestens vertrauten, hochgradig willkommenen Druck auf. Noch besseres Songwriting, ein zum Nachdenken anregender roter Faden und mächtig Herzblut unterstreichen einmal mehr, wie stark und wichtig Kind Kaputt mittlerweile sind. Dass dieses Trio nicht schon längst viel, viel größer ist, bleibt ein Mysterium.
Wertung: 4/5
Erhältlich ab: 23.01.2026
Erhältlich über: Uncle M Music
Facebook: www.facebook.com/kindkaputt
