Lucinda Williams – World’s Gone Wrong

Um klare Worte war Lucinda Williams nie verlegen, und die braucht es aktuell mehr denn je. Die mehrfache Grammy-Gewinnerin hat nach diversen Cover- und Jukebox-Platten wieder komplett neues Material im Gepäck und bezieht Stellung als Stimme in einer Welt, die am Abgrund steht, in ihrer Heimat diesen vielleicht bereits längst hinabstürzt. Im vergangenen Frühjahr aufgenommen, trägt „World’s Gone Wrong“ die Kampfansage bereits im Titel und versucht sich als deutlicher Schlachtruf, ohne jedoch die schönen Seiten, die Lichtblicke des Alltags zu ignorieren.
Im eröffnenden Titelsong „The World’s Gone Wrong“ beleuchtet Williams die prekäre Situation der Arbeiterklasse, mit Unterstützung von Brittney Spencer. Die Charakterstimme tankt sich fünf Minuten lang durch pointierte, unverblümte Abhandlungen und bemüht die Widerstandsfähigkeit, selbst angesichts drohender Aussichtslosigkeit weiterzukämpfen. Nach diesem schwerfälligen Americana-Auftakt folgt mit dem ebenfalls von Spencer begleiteten „Something’s Gotta Give“ klassischer, bluesig angehauchter Country Rock. Einem schwerfälligen Marsch gleichend, arbeitet sich der Song Schritt für Schritt nach vorne, von pointierten Soli aufgelockert.
Noch mehr Blues bemüht „Black Tears“, das wie ein alter Standard klingt und dabei doch stets frisch wirdkt. Die gefühlvolle Intensität in jeder Note und die Präzision der bald 73jährigen Protagonistin tragen den Song auf mächtigen Schwingen. Hingegen widmet sich „Freedom Speaks“ der Essenz nordamerikanischer Musik und fragt sich, was Freiheit heutzutage wirklich bedeutet, was sie zu sagen hat. Als Herzstück mitten im Album dient ein Bob Marley-Cover: „So Much Trouble In The World“ spielt mit Dub-Elementen und holt sich mit Mavis Staples eine fantastische Sängerin ins Boot für ein immersives Duett für die Ewigkeit. Und noch eine weitere prominente Stimme mischt (im Hintergrund) mit: Norah Jones ist im umkämpften und zugleich halbwegs versöhnlichen Abgang „We’ve Come Too Far To Turn Around“, das reduzierten Country mit Klavier-Chic kreuzt, dabei.
Die starke Gästeliste ist letztlich aber ’nur‘ das sprichwörtliche Tüpfelchen auf dem I und rundet eine packende Platte gekonnt ab, Schleifchen inklusive. Letztlich setzt es hier Lucinda Williams in Bestform und ganzer Klasse, die jahrzehntelange Routine hörbar ausspielt und neben starkem Songwriting vor allem textlich mitten ins Herz trifft. Irgendwo zwischen Protestsongs und Mutmacherei findet „World’s Gone Wrong“ seine ganz eigene Nische. Gerade im bluesigen Bereich ist das verdammt gut, aber auch rundherum große Klasse. Auch das 16. reguläre Studioalbum von Williams ist ein Leckerbissen geworden und motiviert dazu, auch mal die Klappe aufzureißen. Großes Kino.
Wertung: 4/5
Erhältlich ab: 23.01.2026
Erhältlich über: Highway 20 Records / Thirty Tigers (SPV)
Website: www.lucindawilliams.com
Facebook: www.facebook.com/LucindaWilliams
