New Miserable Experience – Gild The Lily

New Miserable Experience
(c) New Miserable Experience / Pelagic Records

Aktuelle und ehemalige Mitglieder von Rosetta, Revocation und Rivers Of Nihil beschreiten neue Pfade. Während zumindest die beiden letzteren Bands für anspruchsvolle, technisch versierte Metal-Härte bekannt sind, haben New Miserable Experience damit herzlich wenig zu tun. Das Quintett aus Philadelphia versteht sich auf kunstvolle Alternative-Klänge mit Synth- und Electro-Fokus – beatesk, leicht proggig, poppig und bis obenhin voll mit dichten Texturen. Während man echte Drums und Percussion vergeblich sucht, ist das erste komplette Album „Gild The Lily“ dafür bis obenhin voll mit faszinierenden Klangvisionen.

Eine davon ist „Letters To Insomnia“, das gleichzeitig trippy und heavy rüberkommt, wie der Missing Link zwischen Radiohead und ††† (Crosses). Shoegaze-Untertöne treffen auf butterweiche Synthie-Teppiche und tief ins Arrangement eingebettete Vocals, plüschig und zugleich alles umarmend. Das kann man von „Ordinary People“ hingegen nicht unbedingt behaupten. Der forsche, straight gehaltene Beat und die ins Falsett wechselnden Vocals klingen wie ein verwaschener Disco-Remix, der in halber Geschwindigkeit abgespielt wird. Nach und nach gesellen sich weitere Spuren und Melodien hinzu, anspruchsvoll und zugänglich zugleich.

Dieser Spagat ist so etwas wie die Geheimwaffe von New Miserable Experience, die zugleich wieder und wieder ihre Klangfarben wechseln. So bemüht „Payback From God“ Unterkühlung mit starkem 80s-Einschlag, erinnert schon mal ein wenig an Depeche Mode und auch nicht. Denn bei all den vermeintlichen Anleihen an diverse Größen behält das Quintett seinen eigenen Charme – hier in Gestalt einer urplötzlich auftretenden, gemächlichen und leicht verschleppten Hook. „Atatraxia“ kommt der Vision eines Synth-Jazz-Clubs nah, wirkt melancholisch und kunterbunt zugleich, schleppt sich durch das Arrangement und wirkt gleichzeitig unheimlich lebendig.

Konstant implizierter Widerspruch, innere Zerrissenheit, gefangen zwischen mehreren musikalischen Welten und dabei stets mit Auge auf und Ohr für feinsinnige Melodien: New Miserable Experience tragen eine nicht von der Hand zu weisende Schwere in sich, die jedoch mitreißend aufgelöst wird, plüschig bis hypnotisierend, nicht immer vollends zugänglich. Stattdessen zieht „Gild The Lily“ mehr und mehr in eine Art Sog, dessen Ziel unbekannt bleibt. Gerne mal übermäßig laut und drückend, dann wieder fragil und intim, schließlich anmutig bis proggig – ein schweres und zugleich leichtes erstes Album verlangt ausdauernde Auseinandersetzung und belohnt die Mühe mit packendem Songwriting, das sich oft erst auf den zweiten bis dritten Blick offenbart.

Wertung: 4/5

Erhältlich ab: 23.01.2026
Erhältlich über: Pelagic Records

Bandcamp: newmiserableexperience.bandcamp.com
Instagram: www.instagram.com/newmiserableexperience