Sébastien Tellier – Kiss The Beast

Seit Jahren und Jahrzehnten schreibt und produziert Sébastien Tellier. Er trat 2008 für Frankreich beim Song Contest an, war 2024 Teil der Paralympics-Eröffnungszeremonie in Paris, in Soundtracks zu hören und schrieb selbige in Hülle und Fülle. Obwohl er zuletzt alles andere als untätig war, ist das letzte Album „Domesticated“ doch schon wieder fünfeinhalb Jahre her. Die Trademarks blieben erhalten – Bart, lange Haare, Sonnenbrille – die Musik erfuhr eine kleine Metamorphose. „Kiss The Beast“ stellt sich noch eine Spur breiter auf und erweitert vertraute Synth- und Electro-Klänge in verschiedenste Richtungen.
Die etwas ruhigere, fast Chanson-artige Schiene von „Parfum Diamant“ passt prima ins Bild. Leichtes Blubbern und butterweicher Gesang treffen auf den Minimalismus der Dinge, zurückhaltend und doch so charmant – wie ein Update klassisch französischer Klänge. Hingegen führt „Thrill Of The Night“ unweigerlich in die Disco. Slayyyter und Chic-Ikone Nile Rodgers geben sich ein Stelldichein, bewegen sich ohne Umwege auf die Tanzfläche. Das Ergebnis klingt futuristisch, retro und zeitlos, wie die perfekte Summe der drei Protagonist:innen, und stellt zugleich den vorwitzigen, eindringlichen Pop in den Mittelpunkt.
Für Düsternis und Beklemmung sorgt „Amnesia“, das bevorzugt mit nachdenklichen Tönen arbeitet und den zarten, suchenden Vocals Telliers ausdrucksstarke Rap-Parts von Kid Cudi entgegnet. Diese Kombination kommt überraschend, macht aber mindestens so viel Laune wie „Naïf de Cœur“, ein weiterer luftiger Synth-Track mit präsentem Beat und Ambient-hafter Reduktion. Der Song schwebt knapp fünf Minuten lang über grauen Wolken und ringt mit sich selbst. Wer hingegen die etwas flotteren Klänge des Franzosen schätzt, wird im pulsierenden Disco-Track „Copycat“, dem frontalen „Refresh“ und dem nach erster Folk-Hälfte komplett durchdrehenden „Loup“ fündig.
„Kiss The Beast“ ist sicherlich eine der buntesten, vielfältigsten Platten des Franzosen, der mit seinen 50 Lenzen eine kleinere musikalische Veränderung bemüht und zwischendurch gerne ruhiger als zuletzt unterwegs ist. Kaum hat man sich darauf eingestellt, geht es in Richtung Dancefloor, tauchen hypnotisierende Synthies auf, übernehmen große Pop-Melodien und starke Gäste. Sébastien Tellier grinst vermutlich hinter dem Rauschebart und freut sich diebisch über den nächsten Geniestreich. Einer der stärksten Songwriter und Produzenten seines Landes liefert einmal mehr grandios ab. Auf dass er dafür endlich die mehr als verdiente Aufmerksamkeit erhalten mag.
Wertung: 4/5
Erhältlich ab: 30.01.2026
Erhältlich über: Because Music / Horizons / Virgin Music Group (Universal Music)
Website: www.sebastientellier.com
Facebook: www.facebook.com/sebastientellierofficial
