Interview mit Lordi-Keyboard-Lady Awa

Lordi

Mit Gedanken an Finnland verbindet man oftmals Dinge wie Sauna, PISA oder Nokia. Doch trotz fortschreitender Urbanisierung spielt im Norden Europas auch die Naturnähe eine große Rolle. Das kalte Klima fasziniert mit seinen schneebedeckten Wäldern ebenso wie die monatelang zugefrorenen Seen sowie das mysteriöse Antlitz dunkler Polarnächte. Ein Rahmen, der wie geschaffen scheint für finstere Horrorgeschichten. Die eigensinnige Poetik von Lordi, Finnlands berühmtesten Monstern, weiß gewiss auch dank deren verschrobener Erscheinung zu begeistern, macht jedoch ebenso die Genialität der fünf Musiker aus. Für Beatblogger stand nun Keyboarderin „Lady AWA de Paysant“ Rede und Antwort. Die 29jährige mit den Schlangenaugen stieß kurz vor dem legendären Sieg beim Eurovision Song Contest 2006 zu der Band – natürlich auch ein Thema unseres Gesprächs.

Hallo Awa! Beginnen wir in der Gegenwart: Nach zwei Jahren ohne neues Album, habt ihr es genossen, wieder im Studio zu stehen?

AWA: Ohja! Wir waren schon am verzweifeln, gar nicht mehr dorthin zu kommen. Schließlich klappte es dann im vergangenen Frühjahr und Sommer. Leider war der Ablaufplan etwas zu knapp, sodass ich die Keyboards nur einspielen konnte, als bereits die Aufnahme anstand. Ich war ziemlich nervös im Studio, habe Dinge ausprobiert – es war mitunter schon ziemlich aufregend. Aber schlussendlich bin ich sehr zufrieden und stolz auf unser neues Album.

„Deadache“ ist euer fünftes Studioalbum. Was können die Hörer erwarten? Und was sind die größten Unterschiede, wenn du es einmal mit dessen Vorgänger „The Arockalypse“ vergleichst?

AWA: Nun, vor allem klingt es nach Lordi! Es gibt keine größeren Veränderungen. Vielleicht ist es vom Feeling her ein bisschen mehr Horror und der Klang rauer. Die meisten Songs klingen im Wesentlichen so, wie man es von Lordi gewohnt ist. Aber dennoch sind einige dabei, deren Sound euch nicht so vertraut ist. Beispielsweise „Dr. Sin“ oder mein instrumenteller Teil in „The Rebirth Of The Countess“.

Da ich bisher noch nicht in „Deadache“ reinhören konnte: kannst du mir ein bisschen mehr erzählen, welches deine Lieblingsstücke des Albums sind und vielleicht auch auf deren Hintergrund eingehen?

Lordi / Awa

AWA: Eigentlich wechseln meine Lieblingsstücke noch. Sicherlich ist „Devil Behind Her Smile“ eines davon. Es hat schöne Melodien und geht ordentlich ab. Am Anfang erklingt ein kleiner Tribut an „The Phantom Of The Opera“. Im Text geht es um ein Mädchen, das der Teufel zu sein vermag. Der C-Part des Songs ist wirklich fein und kommt mit einer schönen Horrormelodie daher. „Man Skin Boots“ ist auch sehr gut. Dort haben wir Explosionen, spezielle Keyboardklänge und einfach alles, was ging, hineingesteckt. Ich mag besonders das Gefühl davon und den Groove, wenn man das so sagen darf.
Live finde ich besonders „Raise Hell In Heaven“ und „Dr. Sin“ gut, da ich dort hauptsächlich meine Rockorgel spiele und besonders im Fluss des Stücks mitgehen kann. Ich brauche nicht an Umstellungen des Sounds oder andere Dinge denken, sondern kann einfach Orgel in einer Rockband spielen! – Was die Hintergrundgeschichten angeht, kann ich dir nicht viel sagen. Diese sind in Mr. Lordis Kopf. Meistens sind es Horrorgeschichten.

Magst du uns dennoch etwas über den schreiberischen Prozess erzählen, wie „Deadache” entstanden ist?

AWA: Wie schon gesagt, die meisten Songs sind ’made by Mr. Lordi’. Hier sind einige Riffs von Ox, wie beispielsweise in „Bite It Like A Bulldog“, dort etwas von Amen und Kita, die „Dr. Sin“ gestaltet haben. Ich habe nur einen instrumentalen Song, wie schon genannt. Davon kann ich dir berichten. – Ich hatte solch eine Art kleine Horrormelodie im Kopf und wollte daraus unbedingt einen Song machen. Es wurde einer über die letzten Minuten im Leben meines Charakters, so wie ich sie erlebe. Ich fragte Mr. Lordi, ob er mir helfen könne, und ging zu seiner Hütte in Rovaniemi (Hauptstadt Lapplands, Anm. der Red.). Wir hatten viel Spaß, besuchten den wahren Santa Claus und an einem Punkt drängte er mich, den Song zu Ende zu bringen. Also, dank Mr. Lordi konnte ich immerhin einen Song zum Album beisteuern.

Das ist schön. - Blicken wir ein bisschen zurück: Auch wenn ihr es vielleicht nicht mehr hören könnt, lass’ uns über euren Gewinn des Eurovision Song Contest 2006 sprechen. Zweifelsohne war es ein enormer Schub für eure Popularität – habt ihr dennoch mal bedauert, an diesem Wettbewerb teilgenommen zu haben?

AWA: Nein! Nun, bei der Tatsache, dass wir tatsächlich gewonnen haben, war es schwer zu begreifen, welch enormes Echo es mit sich bringen würde. Besonders in Finnland! Es war eine riesengroße Werbung für uns und wir sind sehr dankbar, aber die Sache ist, dass es für uns persönlich nicht das Allergrößte war. Letzten Endes war es nur ein Popwettbewerb, wo wir es richtig krachen gelassen haben, weil wir unser damals neues Album promoten wollten. Und plötzlich gewannen wir das ganze Ding! – Lordi ist nach wie vor eine Rock’n’Roll-Band, die sich nicht formiert hat, nur um den ESC zu gewinnen. Nein, wir haben schon lange davor unser Ding gemacht und werden dies hoffentlich auch noch lange machen können. Es hat sich bei uns nichts verändert. Wir machen exakt das, was wir wollen und das, wofür Lordi steht.

In der Tat, eine eindrucksvolle Werbung! Schließlich avancierte „The Arockalypse“ zu einem großen kommerziellen Erfolg, besonders in Deutschland. War das auch eine große Überraschung für euch oder hattet ihr insgeheim darauf gehofft, bevor ihr die Bühne des ESC geentert habt?

AWA: Natürlich haben wir gehofft, dass unser Auftritt uns in Deutschland und anderen europäischen Ländern bekannter macht. Aber wir hatten nicht mit dem Sieg gerechnet. Es war wirklich eine große und freudige Überraschung, als man uns Goldsingle und -album verlieh, beispielsweise in Deutschland.

Der ESC war ja eigentlich erst der Anfang – anschließend gingt ihr auf die „Bringing Back The Balls To Rock“-Tour. Ich war auf eurem Konzertauftakt hierzulande in dem kleinen „X“-Club in Herford. Dafür war es eine großartige Show! Welche Eindrücke konntet ihr von der gesamten Tour in D mitnehmen?

Lordi / Awa

AWA: Wir haben sie geliebt! Ihr wisst wirklich, wie man rockt! Alle Clubs waren bereits im Vorverkauf ausverkauft. So waren wir echt aufgeregt. Manche Locations waren kleiner, manche größer, was aber nichts an der Intensität der Shows änderte. Und aufgepasst: Anfang nächsten Jahres werden wir zurück sein.

Da steigt die Vorfreude! - Neben Lordi als Musiker führte euer Weg vor kurzem auch auf die Kinoleinwand, für die ihr einen Blockbuster produziert habt. Kannst du uns etwas von der Idee eures ersten Films „Dark Floors - The Lordi Motion Picture“ erzählen? Und seit ihr zufrieden mit dem Feedback aus eurer Heimat?

AWA: Ja, wir sind sehr happy! Er wurde schon in über 50 Ländern verkauft. Als die Finnen nach ihrer verrückten Eurovision-Hysterie gerade den Eurovision-Hangover hatten, änderte dies nichts. Es ist ein cooler, recht traditioneller Horrorstreifen. Wir sind die Bösen dort. Es war spaßig und schaurig zugleich uns auf der großen Leinwand zu sehen.

Jede Leidenschaft hat irgendwo ihren Anfang. Kannst du uns etwas zum Ursprung Lordis erzählen? Wie fing alles an und wie ist das mit der Wichtigkeit des Projekts für alle Bandmitglieder?

AWA: Mr. Lordi liebte Monster, Horror und natürlich die Band Kiss, schon als er ein kleines Kind war. So fing alles an mit einem Ein-Mann-Projekt. Am Anfang dieses Jahrzehnts formierte er schließlich eine richtige Band, fertigte all die Kostüme und alles weitere. Sie bekamen einen Plattenvertrag und der Rest ist Geschichte. Die erste Single „Would You Love A Monsterman” war ein großer Hit und das Album bekam sogar Platinum in Finnland. Ich stieß zu der Band im Herbst 2005, gerade einmal ein halbes Jahr vor dem ESC.

Du sprachst sie schon an, kurz einmal zu euren Masken. Schließlich sind sie es, die euch von jeder anderen Band der Welt unterscheiden. Und sie sind so etwas wie Luxus – einerseits seid ihr Stars und andererseits habt ihr ein unscheinbares, geschütztes Privatleben, oder?

AWA: Eindeutig! Und wir wissen es sehr zu schätzen. Das ist echt gut, einfach einen Schnitt zwischen Arbeitsleben und dem privaten machen zu können. Dort brauchst du kein Star zu sein, der du bereits bist. Beispielsweise mag ich es, meine Einkäufe in einem ganz normalen Lebensmittelgeschäft zu tätigen, ohne dass andere Leute schauen und sich wundern, was die Monsterlady gerade zum Abendbrot kauft.

Inspirationen sind wesentlich für jede Band. Welche Bands oder Künstler inspirieren euch und welch anderen Einflüssen folgt ihr?

Lordi / Awa

AWA: Natürlich hat der 70er und 80er Hard-Rock großen Einfluss auf unsere Musik. Also Bands wie Kiss, Alice Cooper, Twisted Sister und so weiter. Meine persönlichen Favoriten sind Depeche Mode und Muse. Außerdem bin ich ein großer Fan von James-Bond-Filmen. Diese Art des Entertainments aus Bond, Lordi, Kiss – das ist für mich qualitativ gute Unterhaltung. Direkt auf den Punkt, du kennst das!

Eure Fans mögen eure Musik aus eingängig-dynamischem Rock, dem dunklen Gesang von Mr. Lordi sowie hohen Chören. Habt ihr dennoch keine Angst, auf diese eine Art von Musik beschränkt oder abgestempelt zu werden? Traut ihr euch nicht, neue Elemente in euren Sound zu integrieren?

AWA: Nun, wir sind eine Art Band, die ihren Stil nicht radikal ändern wird. Wir lieben es, wie es ist. Doch haben wir unter anderem für unser neues Album „Deadache” einige neue Dinge hinzugefügt, um die Facetten des Sounds zu erweitern. Denken wir beispielsweise an Coldplay. Natürlich klingt ihr neues Album ein bisschen anders als dessen Vorgänger, aber immer noch schön und man weiß schnell, dass das Coldplay sind. Ich denke, wenn wir große Änderungen machen würden, wären unsere Fans – und wir ebenso – sehr enttäuscht.

Dank dir, Awa, für deine Zeit für das Interview. Beatblogger.de wünscht euch alles Gute für euer neues Album „Deadache”.

AWA: Ich danke euch! Wir freuen uns, bald wieder zurück nach Deutschland zu kommen und ein paar Kickass Monster Tunes zu spielen.

Album „Deadache“ | VÖ: 24.10.2008 | GUN (Sony BMG)
Lordi @ Home | @ MySpace | @ Amazon | @ musicload

(Das Interview führte Christian Nötel für Beatblogger.de. Kopieren auch in Auszügen nur mit vorheriger Genehmigung. Kontakt: walter.kraus@beatblogger.de)