Hercules & Love Affair – Omnion

Hercules & Love Affair

Disco is alive and well – das beweisen Hercules & Love Affair von Album zu Album immer wieder aufs Neue. Oberflächlicher Hedonismus trifft auf clevere Texte und Self-Reflexion, gekleidet in Nu- und House-Variationen. „Omnion“ ist aber viel mehr als ’nur‘ eine Dance-Platte, sondern versteht sich als Konzept-Album zum aktuellen Weltgeschehen. In elf Kapiteln geht es um Vertrauen und Toleranz vor der Kulisse weltpolitischer Unruhen und Katastrophen.

Konzeptuelles Herzstück ist wohl das mit der libyschen Band Mashrou‘ Leila aufgenommene „Are You Still Certain?“. Hercules-Mastermind Andy Butler führte lange Diskussionen über Islam und Islamophobie mit Frontmann Hamed Sinno nach dem Bataclan-Attentat. Daraus entstand diese tanzbare und doch nachdenkliche Kollaboration, in der Sinno immer wieder nach dem Verständnis für Wahrheit fragt. Im krassen Gegensatz dazu steht „Controller“, der pumpende 80s-Disco-Track mit Ohrwurm-Faktor. Faris Badwans bissiger Text spielt zwischen sexuellen und machtpolitischen Ebenen – eine gekonnte Doppelbödigkeit, die man hinter diesem beatesken Konzept eher nicht vermuten würde.

Mit einem Hang zum Unerwarteten und gekonnter Vermengung mehrerer Bedeutungsebenen treffen Hercules & Love Affair immer wieder ins Schwarze. Ob das an frühe OMD erinnernde „Lies“, eine Abhandlung über Falschinformationen, das verschrobene elektronische Gebet „Epilogue“ oder der kindliche Opener „Omnion“ – das Trio aus New York überrascht immer wieder. Den wohl persönlichsten Song dieses Albums singt Butler allerdings selbst. „Fools Wear Crowns“ setzt sich mit seiner bezwungen Drogensucht auseinander, umgeben von fragiler Elektronik. Wer nun einen kleinen Adrenalinschub benötigt, lässt sich von der pumpenden Hymne „Rejoice“ aufrichten.

Alles anders und doch so vertraut: Geschickt spielen Hercules & Love Affair mit den Erwartungen und werfen mal eben eine bewegende, hochgradig intelligente und, in Zeiten wie diesen, wichtige Konzept-Platte zwischen Club-Bangern und Synth-Balladen ab. „Omnion“ wirkt auf den ersten Blick ein wenig schräg und sperrig, erschließt sich mit fortlaufender Spieldauer dafür erst recht. Große Momente, pulsierende Hymnen und emotionale Episoden tanzen durch Zweifel und Absturz – eine gekonnte Grenzerfahrung mit Grower-Potential.

Hercules & Love Affair - Omnion

Omnion
VÖ: 01.09.2017
mr.intl / Skint / BMG Rights Management (Warner Music)

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