Pulp – More

Eigentlich hatte man sie, zumindest auf Studioebene, schon weitestgehend abgeschrieben. Und doch sind Pulp aktuell mit ihrem ersten Album seit 24 Jahren unterwegs. Zwei Todesfälle – Steve Mackey, langjähriger Bassist ab den späten 80ern, und Jarvis Cockers Mutter – schärften das Bewusstsen, dass man doch selbst noch etwas erschaffen kann (und soll), bevor es zu spät ist. Und so verschanzte sich Cocker mit den langjährigen Wegbegleitern Mark Webber, Nick Banks und Candida Doyle sowie ihren Tour-Musikern im Studio, um doch wieder eine Platte aufzunehmen. „More“ verbindet teils komplett neue Songs und teils Ideen, die seit fast drei Jahrzehnten umherschwirren.
Der Opener „Spike Island“ ist zugleich der erste gemeinsam aufgenommene Song und brennt sich auf sympathische Weise sofort ein. Lässiger Indie-Pop-Bounce, herrlich überdrehte Instrumentierung mit launigem Basslauf und einem Jarvis Cocker, der im richtigen Moment komplett aus sich herausgeht, legen den Grundstein für einen verspielten Überflieger. Ein solcher könnte auch „Grown Ups“ sein. Gut, auf sechs Minuten hätte man die Idee vielleicht nicht ausdehnen müssen, doch kann dieser seit den „This Is Hardcore“-Sessions herumschwirrende Song mit seinem Stream of Consciousness über das Erwachsenwerden gezielt mitten ins Herz treffen – verspielt, verwegen und unterhaltsam.
Die Horny-Hornbrille läuft auch jenseits der 60er zur Hochform auf. „My Sex“ hat etwas im besten Sinne Anzügliches und Verspieltes an sich, lebt vom blubberndem Bass und von Wortspielen über Sexualität, Geschlecht und Identität – ein sympathisch inklusiver und zugleich verwirrender Track. „Tina“ befasst sich mit einem Schwarm aus der Jugend Cockers, nie angesprochen und entsprechend unerwidert geblieben – vorwitzig und cineastisch vorgetragen. Das ursprünglich für ein Theaterstück geschriebene „The Hymn Of The North“ war hingegen Ausgangspunkt für die Arbeiten am neuen Album, Cockers damals 16jährigem Sohn gewidmet, angenehm rührselig und doch voller Herz. Wenn das nun zu ruhig geworden ist, dann kann das große, alles umarmende „Got To Have Love“ – eine weitere Reliquie aus den späten 90ern – mit seinem hypnotisierenden Northern Soul auftrumpfen.
Nicht immer einfach, gerne mal restlos überfordernd und letztlich doch Pulp in Reinkultur: Pulp haben hörbaren Spaß an neuer Musik und liefern eine bunte, vielschichtige Platte, die sich nicht so recht in eine Schublade drücken lässt und letztlich damit exakt das verkörpert, was die Briten seit all den Jahren und Jahrzehnten auszeichnet. Letztlich bietet „More“ tatsächlich mehr von allem – den großen, hymnischen Popsongs, den gefühlvollen Balladen, der sexuellen Selbstdarstellung und der kleinen Reminiszenzen mit großer Wirkung. Gut möglich, dass es das für Pulp – zumindest auf Albumebene – gewesen ist. Es wäre ein mehr als würdevolles und würdiges Schlusswort.
Wertung: 4/5
Erhältlich ab: 06.06.2025
Erhältlich über: Rough Trade Records / Beggars Group (Indigo)
Website: welovepulp.info
Facebook: www.facebook.com/welovepulp
