Not Scientists – Voices

Aktuell erleben No Scientists ein kreatives Hoch. Das Quartett aus dem französischen Lyon hat das dritte Jahr in Folge neues Material zu präsentieren – ein Album 2023, eine EP 2024, jetzt wieder ein neues Album, ihr insgesamt viertes. Dafür ging die Band nach Katalonien und arbeitete einmal mehr mit Santi Garcia zusammen, der ihre musikalische Vision beflügelt. Und die trägt weiterhin ordentlich Punk und Rock in sich, aber auch deutlich mehr Wave, Pop und Elektronik – drastisch, tanzbar, gerne mal eingängig und doch immer mit doppeltem Boden inmitten innerer und globaler Krise versehen. „Voices“ hat das Zeug zum großen Wurf.
Ein Song wie „End Game“ macht schnell deutlich, in welche Richtung es geht – rau, etwas schroff und doch ein kleiner Ohrwurm, nervös und tanzbar, mit hörbarem Punk-Esprit und sich zugleich einem drohenden Ende ausgesetzt sehend. All das wird bekömmlich und mitreißend serviert – ein echter Kunstgriff, der ein wenig an die Anfänge der Fast-Namensvettern We Are Scientists erinnert. Die Energieleistung von „Hurricane“ befasst sich hingegen mit schmissigem Rock aus der Garage und findet schnell zum hymnischen Refrain, der mit seinen aufbrausenden Gitarren und der mächtigen Rhythmusabteilung nicht mehr aus dem Kopf geht.
Anders großartig gibt sich „Phone“, fast zurückgelehnt und gemächlich, bevor dieser dichte Teppich an Melodien von mächtigen Uptempo-Salven durchzogen wird – kurz, knackig und hochgradig erfolgreich. Während sich Not Scientists hier noch in eine Art Rausch ziehen lassen, entwickelt sich „Cul De Sac“ zum Indie-Punk-Lehrstück, donnernd und urgewaltig, mit seinem feinsinnigen Synthi-Einsatz sogar in Richtung Dancefloor schielend. Den Widerspruch liebt auch „The Architect“, das beim Klang des Radios in abwartender Haltung verharrt und aus dem Nichts durch die Decke geht. Oder der schon mal an The Vaccines erinnernde Titelsong „Voices“, ein waschechter Ohrwurm mit Retro-Flair und leichter Übersteuerung.
Vor 15 bis 20 Jahren wäre das der verdiente globale Indie-Durchbruch gewesen. Altbacken klingt „Voices“ deshalb aber zu keiner Zeit, ganz im Gegenteil. Die hibblige, tanzbare, poppige und zugleich ungemein rohe, schroffe Mischung passt perfekt zum Zeitgeist, tanzt im Angesicht nicht von der Hand zu weisender Widrigkeiten, geht ehrlich und schonungslos mit dem eigenen Sein um und findet doch immer wieder genug Zeit, um beste Laune zu verbreiten. Es ist zugleich das bislang stärkste Album von Not Scientists, die Hits am laufenden Band abliefern, ordentlich Druck machen, zugleich sauber und druckvoll, unmittelbar klingen. Dafür muss man kein Raketenwissenschaftler sein.
Wertung: 4/5
Erhältlich ab: 05.09.2025
Erhältlich über: Kicking Records / Kidnap Music / Rookie Records (Cargo Records)
Facebook: www.facebook.com/notscientists
