Ghostwoman – Welcome To The Civilized World

Erst veröffentlichten sie drei Alben binnen 18 Monaten, dann dauerte es annähernd zwei Jahre bis zum vierten Streich: unorthodox ist bei Ghostwoman Standard, inklusive neuer Schreibweise des Bandnamens. Und einer gesunden Portion Nihilismus, denn das Duo weiß um die Sinnlosigkeit ihres Unterfangens, Musik zu machen. Schließlich ist die Welt dem Untergang geweiht, und Evan Uschenko und Ille van Dessel geben die Band auf der Titanic, die während dem unaufhaltbaren Versinken weiterspielt. Entsprechend wurde „Welcome To The Civilized World“ einfach nur gemacht, weil man es konnte. Weil es eh schon egal ist. Ein Prosit der vergänglichen Gemütlichkeit.
Ist ein Song mit dem Titel „Alive“ zynisch, sarkastisch oder einfach nur blanker Hohn? Eigentlich ist er ’nur‘ richtig gut, weil das kanadisch-belgische Duo seine Sache weiterhin stark macht. In ihrer ganz eigenen Welt, rund um Indie, Alternative, Folk, Americana, Art und Psychedelia, entsteht ein lockerer, getragener Track, der knapp dreieinhalb Minuten lang einfach nur fließt und nebenher magische Harmonien aus dem Ärmel schüttelt, lauter Abgang inklusive. In „From Now On“ hat die Hoffnung jedoch Pause, passenderweise so kauzig und abweisend wie menschenmöglich umgesetzt. Der störrische Post-Punk-Ansatz nimmt die komplette Verweigerungshaltung in den Arm.
Später finden Ghostwoman „5 Gold Pieces“, doch funkelt das Arrangement kaum. Stattdessen setzt es eine Mischung aus unterkühltem Understatement und aufbrausendem Garage Rock, etwas an frühe The Kills erinnernd. Dass direkt davor „That Jesus“ fasst schon linear und versöhnlich rockt, hat gewissermaßen Methode. „When You All Were Young“ sucht hingegen eine Form der Vergangenheit, in der alles gefühlt vorbei war, voller wuchtiger Drumrolls und verzerrter Soloansätze, bei denen sich die Gitarre wiederholt verschluckt. Die abschließende Frage „Who Are You?“ ist bestenfalls rhetorisch, spielt mit 70s Hard Rock und mit Anti-Folk, und ringt um Fassung inmitten der Collage.
Natürlich ist das schräg, noch schräger als die Vorgänger. Natürlich fällt es schon mal richtig schwer, in dieses Album zu finden. Exakt das ist Sinn der Sache. „Welcome To The Civilized World“ geht als Abgesang auf die Zivilisation durch, die sich im Grunde eh nur selbst im Weg steht und den eigenen Untergang beschleunigt. Entsprechend zermürbend, niedergeschlagen, dennoch wieder und wieder aufbrausend gehen Ghostwoman mit der wohl sicheren Endgültigkeit dieser Existenz um, spielen zugleich mit den Gegensätzen zwischen ihren kulturellen Welten und vermengen erstaunlich große Melodieansätze mit dem Mittelfinger. Weiter und weiter – eine schön schwer verdauliche Sache.
Wertung: 4/5
Erhältlich ab: 05.09.2025
Erhältlich über: Full Time Hobby
Website: ghost-woman.com
Facebook: www.facebook.com/ggghostwoman
