Sprints – All That Is Over

Eines der ersten Alben des Vorjahres war auch eines der besten: „Letter To Self“ erschien direkt zu Jahresbeginn 2024 und machte Sprints aus dem Stand zu einer der Bands to watch, was die Touren und Festival-Auftritte der Folgezeit bestätigten. Gitarrist Colm O’Reilly zog sich früh zurück, weil die öffentliche Aufmerksamkeit nichts für ihn war, mit Zac Stephenson wurde ein mehr als adäquater Ersatz gefunden. Gemeinsam wollte man den eigenen Sound weiter ausreizen und neue Extreme finden, zudem den großen Graben zwischen einer Zeit voller Erfolge und Veränderungen sowie der immer hässlicher werdenden Welt ringsum entsprechend ausleuchten und verarbeiten. „All That Is Over“ versucht sich daran.
Der Vorbote „Descartes“ zeigt schnell, dass der Versuch gelingt – mit scharfkantigen Gitarren, einer wütenden bis störrischen Rhythmusabteilung und den silbenreichen Zeilen Karla Chubbs, die auf gegenseitiges Verstehen hofft und damit weite Teile der egomanisch bestimmten Negativität in dieser Welt bekämpfen möchte – laut, kantig und so noisig wie menschenmöglich. Das genaue Gegenteil davon heißt „Something’s Gonna Happen“, glaubt man, wenn es die ersten zwei Minuten durch eine Art Stream of Consciousness geht, ruhig und bedächtig instrumentiert. Aus dem Nichts hebt das Quartett ab, spielt sich in einen wahren Rausch und drängt seinen Punk in eine Vielzahl an Richtungen.
Hingegen überrascht „Better“ mit Shoegaze-Schlagseite und der prominenten Duett-Stimme von Bassist Sam McCann – perfekt für einen harmonischen Song, dessen mächtiges Arrangement nach Katharsis in einem Anti-Liebeslied sucht. Hingegen findet der bewusst schwerfällige, infernale Opener „Abandon“ nichts mehr, was die eigene Heimat einst lebenswert machte – nicht der letzte Kommentar zum Weltgeschehen. „Rage“ ist gewissermaßen der Untertitel dieses Albums, wenngleich besagter Track vergleichsweise ruhig wirkt, erst spät seine etatmäßigen Zuckungen abruft und sich so fies, so giftig wie menschenmöglich gibt. Im abschließenden Sechsminüter „Desire“ verlieren sich Sprints in der Dystopie, während das Arrangement langsam, aber sicher anschwillt, bis zum unvermeidbaren Chaos.
Zwar fehlt das ‚Lighting in a bottle‘-Momentum des Einstands ein wenig, was aber wohl in der Natur der Sache liegt. Dennoch pendelt sich „All That Is Over“ auf hohem Niveau ein. Das liegt nicht zuletzt am bewusst herausfordernden Soundgewand, das man sich für diese Platte überstreifte, das um Welten noisiger, kratziger und kälter klingt, ohne jedoch die nervöse, mitreißende Magie des Debüts komplett zu ignorieren. Sprints reagieren auf geänderte Lebensumstände, auf die stetig wachsenden Schatten um sie herum, und toben sich mit aller Deutlichkeit, Vehemenz und Herzlichkeit aus. Exakt das gelingt ihnen einmal mehr richtig gut.
Wertung: 4/5
Erhältlich ab: 26.09.2025
Erhältlich über: City Slang (Rough Trade)
Website: www.sprintsmusic.com
Facebook: www.facebook.com/sprintsmusic
