White Reaper – Only Slightly Empty

White Reaper
(c) Jimmy Fontaine

Plötzlich waren es nur noch drei. Im Vorjahr gingen White Reaper die Wilkerson-Zwillinge und damit die komplette Rhythmusabteilung verloren. Es war der Schlusspunkt einer schwierigen Phase, denn nach dem Major-Einstand 2019 folgte eine lange Pause mit der erhofften Auszeit, doch fand man sich nach eigenen Angaben vier Jahre später auf „Asking For A Ride“ in einer Identitätskrise wieder. Nun ist man bei Blue Grape Music, klein und mehr als fein, arbeitet erstmals als Trio und transportiert den etatmäßigen Power-Pop-Sound in eine neue, gerne mal sympathisch schwerfällige Richtung. „Only Slightly Empty“ hat aber weiterhin Hooks in rauen Mengen zu bieten.

Der Drive eines „Blue 42“ ebbt nach einem energischen Auftakt schnell ab und wird – nicht zum letzten Mal auf diesem Album – von Grunge-Schattierungen in den Hintergrund gedrängt. Wohlige Schwere kollidiert mit Power-Pop-Aufbruchsstimmung, geht ins Ohr und erdrückt zugleich. „Rubber Cement“ bricht den eigenen Sound noch weiter auf, widmet sich in den Strophen klassischem Pop-Punk und dreht schließlich die Verstärker auf Elf. Hingegen tankt sich der Opener „Coma“ durch 106 wilde, dreckige Sekunden und durchbricht die imaginäre Wand, die sich nach der letzten Platte aufgebaut hatte.

„Freakshow“ platziert sich hingegen einmal mehr zwischen den Stühlen und lebt sein neues Faible für Grunge-Schwere aus, mit poppigem Charme versehen. Zwei sich diametral gegenüberstehende Konzepte finden gekonnt zusammen, der Ohrwurm ist im Nu fertig. Auch „Enemy John“ widmet sich der Schwere des Seins, spielt geschickt mit vielschichtigen, beklemmenden Gitarrentönen und lässt der Melancholie freien Lauf. Darf es etwas weniger davon sein? Kein Problem: „Blink“ bringt zwar ebenfalls eine gewisse Heavyness mit, aber bereichert seinen Power-Pop letztlich damit – knackig, drückend und ohne Umwege im Ohr.

Sie brauchen nur eine halbe Stunde zum Glück und häuten sich währenddessen mit wachsender Begeisterung: Natürlich sind White Reaper nicht urplötzlich zur reinen Grunge-Band geworden, natürlich haben sie nicht alles hinter sich gelassen. Der sanfte und doch bestimmte Wandel auf Raten bekommt dem US-Trio und seinem Power-Pop-Ansatz aus der Garage jedoch richtig gut. Zudem klingt „Only Slightly Empty“ nach einer Band, die sich wieder berappelt hat und auf das Songwriting an sich konzentriert – direkt, unmittelbar, eingängig und doch in gewissen Momenten hörbar vom Leben gezeichnet. Das ist Teil des fortschreitenden Alters, das steht ihnen gut zu Gesicht – eine von vorne bis hinten kurzweilige Platte voller musikgewordener Perlen.

Wertung: 4/5

Erhältlich ab: 26.09.2025
Erhältlich über: Blue Grape Music (SPV)

Website: whitereaperusa.com
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