Protomatyr – Relatives In Descent

Protomartyr

Was ist Wahrheit? Und warum muss 2017 überhaupt darüber nachgedacht werden? Das fragten sich wohl auch Protomartyr, als sie mit den Arbeiten an ihrem vierten Studioalbum – ihr Debüt für Domino Records – begannen. Die vergleichsweise jungen Post-Punk-Heroen aus Detroit, Michigan erklärten „Relatives In Descent“ zu einer Sinn- und Erkenntnissuche. Wenn auch nicht explizit ein Konzeptalbum, so erkunden die US-Amerikaner Variationen von Wahrheit und Wahrheitsverständnis in zwölf aufwühlenden Kapiteln.

Das eröffnende „A Private Understanding“ umreißt den Sound des Quartetts recht gut und erinnert nicht zum letzten Mal an Nick Cave bzw. Grinderman. Wuchtige Drum-Salven begleiten die ungewöhnliche Erzahlstruktur, von flirrenden Gitarren pointiert unterstützt. Selbst in den verkappt melodischen Parts brodelt es ungemein, bis Protomartyr im Grande Finale schließlich im Noise-Sumpf untergehen. „Here Is The Thing“ zeigt sich ähnlich intensiv, betont hingegen die punkige Seite des Genres mit wütenden Mini-Attacken und ausladenden, herrlich hektischen Gesten, die durch feinsinnige Instrumental-Abschnitte unterbrochen werden.

Ähnlich groß: „Male Plague“, dieser aggressive und doch schaumgebremste Rocker mit pointiert skandiertem Refrain und mathematisch arrangiertem Pogo-Faktor. Das klingt alles viel zu kompliziert und hektisch? „The Chuckler“ schafft Abhilfe, bemüht sich sogar um vergleichsweise eingängige Interpol-Gitarren und macht sich gar hektisch über ungewohnt melodische Momente her. Schließlich, und trotz anständiger Spielzeit letztlich doch viel zu schnell, agiert „Half Sister“ als episch-melancholischer Rausschmeißer mit Midtempo-Schwermut und Sinnsuche.

Mehr denn je scheinen Protomartyr angekommen zu sein und schütteln, oberflächlich locker, ein hochgradig spannendes Album aus dem Ärmel, das mit dem bereits starken „The Agent Intellect“ spielend mithalten kann. Durchgehend unterhaltsame, kurzweilige Tracks und spannende lyrische wie musikalische Reisen zwischen Wahrheitsfindung und Post-Punk-Aha-Effekt sorgen für kleine Stürme der Begeisterung und seelische Nackenschläge. Mit „Relatives In Descent“ sind Protomartyr endgültig angekommen.

Protomatyr - Relatives In Descent

Relatives In Descent
VÖ: 29.09.2017
Domino Records (GoodToGo)

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