Boko Yout – Gusto

Boko Yout
(c) Lionel Turner

Ein Album als Form der Selbsttherapie, um die eigene Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu verarbeiten: Boko Yout verlangt seinem Full-Length-Einstand einiges ab. Aufgewachsen in Schweden, der Vater aus Togo, die Mutter aus Mosambik, dazu der überdimensionale Schatten der Evangelisch-Freikirchlichen Kirche für eine queere Person, die mit der eigenen Sexualität und Identität ringt – es hatte sich, gelinde gesagt, einiges aufgestaut. Und doch gilt Yout als eine der heißesten Aktien des Musiklandes, für diverse (Newcomer-)Preise nominiert, seine beiden EPs und die diversen Singles abgefeiert. Seinen Sound nennt er augenzwinkernd ‚Afro-Grunge‘ und liegt damit gar nicht mal so weit daneben. „Gusto“ befasst sich aber nicht nur mit den Kämpfen und Gräben der Jugend.

Die war nämlich auch immer wieder schön, wie Yout betont, gerade wenn sein Vater Jam-Sessions für die afrikanische Diaspora veranstaltete, oder wie er in Stockholm später die freie Kunst für sich entdecken sollte. All diese gesammelten Erfahrungen schimmern in diesen 13 Tracks (Interludes inkludiert) wiederholt durch. So auch in „Demoltion Man“ mit seinem beatesken Groove, einem klaren Bekenntnis zu den Lo-Fi-HipHop-Wurzeln, aber auch zum wilden Post-Punk- und Art-Sound. Das kleine Zitat aus „Smooth Criminal“ passt ebenso ins Bild wie die lässig eingestreute Gitarre, die prima mit dem verwaschenen Bedroom-Pop-Sound fusioniert – King Krule mit etwas mehr Funk, wenn man so will, und doch komplett anders.

Vergleiche sind aber eigentlich so und so eine müßige Angelegenheit, weil Yout immer wieder aus dem vermeintlichen Schema F ausbricht, mit wachsender Begeisterung. Das verschmitzte „In The Dark“ mag melodisches Understatement inmitten existenzieller Schwere, während „9-2-5“ komplett am Rad dreht und in seiner hibbeligen Idee erkennt, dass ein ‚richtiger‘ Job vielleicht doch nicht seine Sache ist. „Volleyball Tournament“ lässt den Aufschlag vermissen und fließt, bis kurz vor Schluss, ruhig bis ominös. Das krasse Gegenteil ist dann wohl der Titelsong „Gusto“, voller Energie, mit frontalem Post-Punk-Bounce vorgetragen. Und „Gimmie Love“ klopft dann einfach alles in einen Topf, nimmt jazzigen Art Pop hinzu und lässt sich durch willkommene Leere treiben.

Was auch immer hier gerade passiert ist, brennt sich direkt im Unterbewusstsein ein. Boko Yout nimmt auf eine Reise durch seine Kindheit und Jugend mit, geprägt von Licht und Schatten, vom steten Aufeinanderprallen von Kulturen und Welten, von Klängen und Genres. „Gusto“ wird mit eben solchem vorgetragen, bringt ordentlich Leidenschaft und Energie ein, hat aber auch den nötigen Platz für diese besonderen stillen, intimen Momente, welche die Musik erst richtig großartig erscheinen lassen. Fernab von jeglichem Schubladendenken bäumt sich ein magisches Album auf, das mit seinen Details, mit seinen Kunstgriffen und diesen willkommenen Unvorhersehbarkeiten mitten ins Herz geht. Vorschusslorbeeren: lockerst bestätigt.

Wertung: 4/5

Erhältlich ab: 05.09.2025
Erhältlich über: Hoopdiggas Recordings

Instagram: www.instagram.com/bokoyout