Slow Crush – Thirst

Wenige verstehen Shoegaze so lautmalerisch und unbequem wie Slow Crush. Das belgische Quartett nahm sich nach zwei packenden Platten eine kleine Studio-Auszeit, wechselte das Label und legte den Fokus auf den Feinschliff auf der Bühne. Als die Arbeiten an neuer Musik begannen, wollte man unbedingt eine Metamorphose bemühen, ohne alles, was bisher war, komplett zu ignorieren. Exakt das ist letztlich auch gelungen: „Thirst“ bleibt weiterhin im Gaze-Umfeld unterwegs, gibt sich aber insgesamt deutlich lauter, heavier und noisiger – ein echtes Bollwerk und ohne Frage die erhoffte Wiedergeburt.
Wie sehr diese Extreme miteinander harmonieren können, zeigt „Cherry“ mehr als souverän. Sofort landet der Track in media res, von Isa Hollidays gewohnt weichen, geradezu ätherischen Vocals und erstaunlichem Drive mit allerlei Ecken und Kanten begleitet. Lange Zeit schwimmt der Song vor sich hin, bevor hoher Wellengang nach der Hälfte den Noise-Faktor nach oben schraubt, richtig schön wütend und bedrohlich ausfällt, sogar Platz für vereinzelte Screams findet. Hingegen knüpft „While You Dream Vividly“ einigermaßen an die beiden Vorgänger an, legt den Fokus auf das verträumte Element des Sounds und holt jenen Post-Rock-Charme hinzu, der zuletzt für Begeisterung sorgte.
Ein weiterer Beweis für die gewachsene Songwriting-Klasse des Quartetts ist „Hlýtt“, der etwas überlange Rausschmeißer. Im steten Fluss von Ebbe und Flut wogt das Arrangement hin und her, bemüht immer wieder kathartische Druckwellen und diese giftigen, galligen Screams, die aus den Tiefen des Songs leuchten. Es geht aber auch kurz und kompakt, wie das mit poppigen Melodien flirtende „Covet“, das stellenweise sogar so etwas wie milde Euphorie einbringt, oder „Haven“, ein Lehrstück in Sachen Melancholie, das um Fassung ringt, wo es solche nicht (mehr) geben kann. Der rohe und doch wohlgeformt noisige Elan des eröffnenden Titelsongs bringt all das auf den Punkt.
Holliday beschreibt das übergreifende Thema dieses Albums als eine Form von Romantik, die in Anwesenheit einer geliebter Person entsteht, und hält die damit verbundenen Gefühle ebenso breit wie den davon betroffenen Personenkreis, der mitgemeint sein könnte. So verwischen Slow Crush ihre konzeptuellen Grenzen ein wenig, was wiederum prima zur Musik passt. „Thirst“ hält herzlich wenig davon, alle Karten auf den Tisch zu legen, tut dies jedoch mit deutlich mehr Nachdruck. Die mitgemeinte Schwere bekommt den Belgiern verdammt gut und lässt das Quartett neue, erstaunlich noisige Höhen erreichen, ohne dabei die fundamentale Shoegaze-Magie zu verleugnen. Irgendwo zwischen Übergang und neuen Ufern lässt dieses dritte Album nicht mehr los, im besten Sinne.
Wertung: 4/5
Erhältlich ab: 29.08.2025
Erhältlich über: Pure Noise Records (Membran)
Website: www.slowcrush.org
Facebook: www.facebook.com/slowcrushband
