Katarsis – Žiedlapis tau

Inmitten eines betont bunten Wettbewerbs trugen sie Grauschattierungen ins Finale: Katarsis traten für Litauen beim Eurovision Song Contest 2025 mit dem Post-Punk-Track „Tavo akys“ an. Auf einen sehr respektablen 16. Platz für eine beim ESC mehr als unterrepräsentierte Musikrichtung folgten eine kleine Tour durch Europa sowie mehrere Singles. Für das ehemalige Ein-Mann-Projekt von Lukas Radzevičius, der im Gründungsjahr 2019 noch zur Schule ging, ist das mehr als beeindruckend. Das erste Album „Žiedlapis tau“ (dt. „Ein Blütenblatt für dich“) nimmt den Rückenwind gekonnt mit.
Besagtes „Tavo akys“ ist nach wie vor großartig und zugleich der beste Song des Albums. Der forsche und doch vorsichtige Aufbau, Radzevičius‘ emotional aufgeladende Charakterstimme, das konstante Spiel mit Ebbe und Flut – innerhalb knapp drei Minuten entsteht Magie. Katarsis sind bevorzugt kurz und knapp unterwegs, nur drei Songs sind (marginal) länger als diese radiofreundliche Marke. Dazu zählt „Neleisk man“, das erst laut und fieberhaft anrollt, bevor klagende, von Verzweiflung geprägte Vocals durch die luftige Schwere schneiden und sich schließlich für wenige Momente mit dieser neuen Realität abfinden. Das, nun ja, kathartische Finale mit Post- und Art-Rock-Einschlag passt ins Bild.
Ebenfalls richtig gut ist „Likę tik randai“, für Bandverhältnisse flott und direkt, ein nervöser Uptempo-Track mit feiner Gitarren-Hook, die ohne Umwege im Ohr landet. Das Spiel mit Hall und Dance-Beat mittendrin kommt ebenso gut wie das bewegende „Kas man be jūros“. Ruhige Momente stehen den Litauern bestens zu Gesicht, gerade in Verbindung mit dem zarten Anschwellen und den übermäßig lauten Drums im Finale. Die anschließende Meditation „Nebepaleidžia“ hallt durch Nebelschwaden, dicht und undurchdringlich. Wie „Kada“ fast konstant am Limit operiert, selbst in den vermeintlich zurückgenommenen Passagen, und gegen imaginäre Windmühlen ankämpft, ist ebenso großes Kino.
Einzige wirkliche Schwachstelle ist die sehr kurze Spielzeit von 27 Minuten, die wahrlich wie im Flug vergehen. Dabei eignet sich diese Platte prima für die Endlosschleife, greifen die zehn Songs doch nahtlos ineinander, ziehen mehr und mehr in eine Art Trance und überzeugen trotz gewisser Standouts vor allem in ihrer Gesamtheit. „Žiedlapis tau“ spielt mit vertrauten Elementen aus Post Punk, Post Rock, Gothic, Art Rock, Alternative, Ambient und emotionaler Schwere, zugleich erstaunlich leicht und hypnotisierend umgesetzt. Die packende Stimme von Lukas Radzevičius krönt die Angelegenheit – ein exzellenter Einstand, mit dem eindrucksvoll bewiesen wäre, dass der große Auftritt auf europäischer Bühne keine Eintagsfliege war.
Wertung: 4,5/5
Erhältlich ab: 16.01.2026
Erhältlich über: Eigenvertrieb
Facebook: www.facebook.com/katarsisgyvas
