Axel Rudi Pell – Ghost Town

Manche Dinge im Leben sind so beständig wie die Gezeiten – und im deutschen Heavy Rock gehören Axel Rudi Pell definitiv dazu. Wer eine Platte des Wattenscheider Quintetts um den namensgebenden Saitenhexer kauft, weiß exakt, was er bekommt: klassischen Hard Rock mit epischen Melodien und einer ordentlichen Prise Ritchie-Blackmore-Gedächtnis-Vibes. Man könnte es als unerschütterliche Treue zum eigenen Stil bezeichnen oder nicht ganz zu Unrecht kritisieren, dass sich die Diskografie seit der Jahrtausendwende so nahtlos aneinanderfügt, dass man so einige Songs beliebig austauschen könnte. Mit „Ghost Town“ bringt Pell nun bereits sein 23. Studioalbum an den Start und beweist einmal mehr, dass er von seinem bewährten Rezept auch im Jahr 2026 keinen Millimeter abweicht.
Das hört man schon bei der Opener-Konstellation – wie fast immer beginnt die Scheibe mit einem instrumentalen Intro, gefolgt von einer schnellen Doublebass-Nummer, die dieses Mal den Namen „Guillotine Walk“ trägt. Tatsächlich gehört der Track aber zu den besseren Uptempo-Songs der Band, da Pell in den Strophen sein typisches Riffing etwas zurückfährt, ehe der Song dann im Ohrwurmrefrain zu voller Energie auffährt. Beim folgenden „Breaking Seals“, einer klassischen Stampfrock-Nummer, ist es der Gesang, der überrascht: neben Johnny Gioelis gewohnt charismatischem Organ gibt es nämlich auch die raue Stimme des Solinger Metal-Urgesteins Udo Dirkschneider zu hören – wenn beide zusammen den Refrain anstimmen, klingt das richtig fett und verleiht dem typischen Pell-Sound eine angenehm kantige Note.
Zu den Highlights sollte man unbedingt auch den Titeltrack „Ghost Town“ zählen, bei dem die Band wieder im oberen Geschwindigkeitsbereich agiert und mit einem weiteren sehr eingängigen Refrain überzeugen kann. Leider entpuppt sich das folgende „Holy Water“ als ziemlicher Rohrkrepierer. Wo Pell sonst mit Routine punktet, regiert hier die gepflegte Langeweile: Das zurückgefahrene Riffing sorgt dieses Mal für eine fatale Drucklosigkeit, und die Melodien wirken so erschreckend spannungsarm wie ein lauwarmer Aufguss, den man schon tausendmal besser gehört hat. Glücklicherweise folgt mit dem schleppend-düsteren „The Enemy Within“ das wohl größte Highlights des Albums – der Song klingt wie eine dieser epischen Bombastnummern Pells, die aber nicht wie sonst mit fast zehn Minuten Länge, sondern komprimiert als knackiger Fünfeinhalbminüter daherkommt.
Von den restlichen Stücken verdient vor allem das ruhige „Towards The Shore“ Erwähnung. Es gehört zweifellos zu den stärkeren Pell-Balladen der letzten Jahre und weckt wohlige Erinnerungen an das selige „Silent Angel“. Der Rest der Scheibe bietet hingegen soliden Pell-Durchschnitt, der oft wie eine Kopie älterer Glanzlichter wirkt und keine echten Überraschungen mehr bereithält. Alles in allem bleibt sich der Wattenscheider treu: Ein Pell-Album garantiert stets ein gewisses qualitatives Mindestmaß, das auch auf „Ghost Town“ zu keiner Sekunde unterschritten wird. Wer den gewohnten Sound liebt, wird auch hier gut bedient, auch wenn es in der mittlerweile beachtlichen Karriere der Band zweifellos deutlich stärkere Scheiben gibt. Für Fans ein gewohnt solider Hafen, Einsteiger sollten aber vielleicht besser erst mal zu einer der älteren Großtaten wie „The Masquerade Ball“ oder „Kings And Queens“ greifen.
Wertung: 3,5/5
Erhältlich ab: 20.03.2026
Erhältlich über: Steamhammer (SPV)
Website: www.axel-rudi-pell.de
Facebook: www.facebook.com/axelrudipellofficial
