deary – Birding

deary
(c) Josh Hight

Zu Lockdown-Zeiten regte sich bei Ben Easton der Wunsch, der eher auf Style fokussierten Szene Südost-Londons zu entkommen und introspektive, emotional aufgeladene Musik zu schreiben. Ein gemeinsamer Bekannter brachte ihn mit Dottie Cockram zusammen, schnell wurde eine gemeinsame Liebe zu Cocteau Twins, Slowdive und My Blood Valentine entdeckt. Später stieß Drummer Harry Catchpole dazu, deary waren gegründet und bewegen sich seither in einem sehr eigenen, zeitlosen Sound zwischen Shoegaze, Dream-Pop und Indie. Das erste Album „Birding“ befasst sich mit den mal unsichtbaren, mal sehr deutlichen Auswirkungen des menschlichen Handels auf andere Menschen und die Umwelt.

Schon das eröffnende „Smile“ geht mitten ins Herz und zeigt, wohin die Reise geht. Cockrams klare, helle und butterweiche Stimme fährt durch Mark und Bein, die stoische Rhythmusabteilung schafft das entsprechende Fundament. Ordentlich Distortion auf der Gitarre, gerade in den beiden lauten Plateaus, setzen eindrucksvolle Gaze-Qualitäten frei – stark verzerrt und doch so charmant. Dass „Blue Ribbon“ weitestgehend in nachdenklichen, verträumten Gefilden bleibt und sich von den Pedalen fernhält, macht ebenso Laune – feenhaft, magisch, dennoch von einer schwer von der Hand zu weisenden Kraft getragen.

Herzstück dieses Einstands ist jedoch das siebeneinhalbminütige „Alfie“, der erste gemeinsam aufgenommene Track. Hier decken deary so ziemlich alles ab, was sie ausmacht, angefangen bei leichtfüßigem Pop mit dennoch eindringlicher Note. Der Nachdruck harmoniert erstaunlich gut mit der obligatorischen Leichtigkeit. Richtung Halbzeit tauchen langsam, aber sicher erste verzerrte Elemente auf, nimmt die Distortion zunehmend überhand. Zwar bleibt die erwartete rohe, wütende Wand aus, doch kann das ellenlange Verharren in wunderschöner wie verstörender Shoegaze-Magie auch ohne wütenden Höhepunkt oder konträre Gesangseinlagen überzeugen.

Dieses überaus konsequente Spiel mit Sollbruchstellen zählt zu den größten Stärken von deary und tut der exorbitanten Schönheit ihrer Musik doch keinen Abbruch. Wie das funktioniert, bleibt ein Rätsel, doch reißen die gleichermaßen ruppigen wie federleichten Wellen emotional aufgeladener Musik wieder und wieder mit. „Birding“ ist ein richtig guter Einstand geworden, voller Herz und im richtigen Moment mit furiosem Rückenwind ausgestattet. Vertraute Zutaten, ein frischer Ansatz und eine exzellente Einheit schreiben Songs, die nicht mehr loslassen – auch das sind Auswirkungen menschlichen Handelns, bloß ausnahmsweise sehr willkommene.

Wertung: 4/5

Erhältlich ab: 03.04.2026
Erhältlich über: Bella Union (Bertus)

Website: www.dearyband.com
Facebook: www.facebook.com/people/deary/61555431281924