Tinariwen – Hoggar

Seit mittlerweile 45 Jahren tragen Tinariwen die Klänge der Sahara in die weite Welt hinaus. Das nordafrikanische Kollektiv zählt viele prominente Fans, tourte durch die Welt und gewann 2012 sogar einen Grammy. Politische Unruhen in Mali ließ die Gründungsmitglieder abermals reisen und sich aktuell in Algerien niederlassen. Ihr neuestes Album nahmen sie in einem von der Tuareg-Band Imarhan eingerichteten Studio ein, zudem singen Ibrahim Ag Alhabib und Abdallah Ag Alhousseyni erstmals seit über 30 Jahren wieder gemeinsam. Mit Liya „Diarra“ Ag Ablil meldete sich ein weiteres Gründungsmitglied nach über zweieinhalb Jahrzehten zurück. Wenig überraschend klingt „Hoggar“ überaus kraftvoll.
Politische Unruhen zählen zum Leitmotiv dieses neuen Albums und mutieren zur beklemmenden Triebfeder. Die Texte muss man nicht verstehen, denn die Musik spricht für sich. Wie im ellenlangen „Tad Adounya“, für das starke und leider selten gewordene weibliche Stimmen der Tuareg-Musik gewonnen werden konnten. Während die Wüste leicht groovt und folkiger Blues über dem mächtigen wie zurückgenommenen Leitmotiv meditiert, finden die Vokalist:innen wieder und wieder zusammen, lassen sich treiben und werden im richtigen Moment laut, deutlich. Betont minimalistische Mittel brennen sich mit erstaunlicher Vehemenz ein.
Langzeitfan José González mischt in „Imidiwan Takyadam“ mit. Zwei sehr unterschiedliche Folk-Visionen mit erstaunlichen Gemeinsamkeiten verschmelzen, von Leichtfüßigkeit getragen. Der Call der Strophen erhält intensive Response im Refrain – ein kleines Fest. Wie „Khay Erilan“ wieder und wieder richtig schön laut wird, während Zupfinstrumente um fingerfertige Fassung ringen, ist ebenso stark wie „Sagherat Assani“, einer der energischsten Songs dieser Platte, mit Sulafa Elyas. Die im Exil in Frankreich lebende sudanesische Sängerin und Oud-Spielerin sorgt für einige der bewegendsten Momente auf diesem Album.
Im konstanten, permanenten Fluss der Musik entsteht eine weitere kleine Perle, wie sie eben nur von Tinariwen kommen kann. Was hier passiert, überrascht natürlich nicht, denn „Hoggar“ bemüht sich bestenfalls um Neuerungen im Kleinen – wie die starken Frauenstimmen, der Überraschungsbeitrag eines Folkers und die gemeinsam singenden Gründungsmitglieder. All das, kombiniert mit der vertrauten Magie der Wüste, sorgt jedoch für Bewegendes, für Großartiges, für ein hochgradig intensives musikalisches Happening. Einmal mehr fasziniert das Kollektiv Tinariwen und lädt dazu ein, viele unbekannte Sphären eindringlichst zu erforschen.
Wertung: 4/5
Erhältlich ab: 13.03.2026
Erhältlich über: Wedge
Website: www.tinariwen.com
Facebook: www.facebook.com/tinariwenmusic
