Imarhan – Essam

Imarhan tragen den Klang der Wüste in den Rest der Welt hinaus. Das algerische Quintett verbindet klassische Tuareg-Klänge mit Blues und Desert Rock, mit folkloristischem Charme und gelegentlicher Psychedelia sowie Elektronik versehen. Ihr mittlerweile viertes Album setzt sich mit schweren Themen auseinander. „Essam“ ließ sich unter anderem vom Konflikt an der algerisch-malischen Grenze, von politischer Instabilität in der Sahara, aber auch von den Unruhen im Zuge der letzten Pandemiejahre inspirieren. Zugehörigkeit und Entwurzelung treten in nahezu konstanten Konflikt.
„Derhan N’Oulhine“ illustriert die fortgeschrittene musikalische Öffnung perfekt, wenn traditionelle Instrumentierung und bluesige Wüstenrock-Klänge auf einen zurückgenommenen elektronischen Unterbau treffen. Die butterweichen, intensiven Vocals entführen direkt in andere Welten, der Chor brennt sich sofort ein. In „Azaman Amoutay“ treten ebenso synthetische, beateske Klänge und Claps auf, gestalten den Track bedrohlich bis ominös. Das Spiel mit Atmosphäre gelingt, ebenso im Opener „Ahitmanin“, der sich vollends auf die Blues-Folk-Wurzeln stützt. Wenige Spuren, beklemmende Vocals und minimalistische Klangmagie schlagen vollends ein.
Das Spiel mit Stimmungen, Gegensätzen und musikalischen Welten zieht sich wie ein roter Faden durch dieses Album. Da wäre beispielsweise „Tinfoussen“ mit seiner dominanten und doch geradezu zurückhaltenden Percussion – ein gekonnter Widerspruch aus den Tiefen des Arrangements, der selbigem die nötige Farbe verleiht. Hingegen liebt „Tellalt“ Herz und Lautstärke, während das lange, ausgedehnte „Assagasswar“ zum psychedelischen Lehrstück mutiert. Stellenweise bis zur gefühlten Unkenntlichkeit ausgedehnt, fügen sich die traditionellen bis spirituellen Klänge der Sahara nach und nach mit verstörenden Feedback-Signalen zusammen, bevor alles verschwimmt.
Eine Dreiviertelstunde lang entführen Imarhan in ihre ureigene musikalische Welt, die im wahrsten Sinne des Wortes Grenzen überschreitet, die Wüste lebendig macht, Folklore mit frischem Wind verbindet und nach Lösungen für schwelende Konflikte sucht. „Essam“ besitzt die Magie seiner Vorgänger und denkt diese entschieden weiter. Die zunehmenden psychedelischen Einflüsse und elektronischen Untertöne bekommen dem Sound richtig gut, ohne den folkigen Desert Blues jemals zu überlagern. Imarhan sind immer eine Entdeckung wert und lassen erneut das Herz aufgehen.
Wertung: 4/5
Erhältlich ab: 16.01.2026
Erhältlich über: City Slang / [INTEGRAL]
Facebook: www.facebook.com/imarhan1
