Austra – Chin Up Buttercup

Austra
(c) Lamia Karic

Fünfeinhalb Jahre ohne ein Studioalbum – für Austra eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Als „HiRUDiN“ erschien, ware Katie Stelmanis‘ Leben eben erst komplett umgekrempelt worden. Erst verabschiedete sich die langjährige Partnerin mit einem einzigen Satz und war seither nicht mehr gesehen, dann setzte die Pandemie ein und Stelmanis hatte bloß 24 Stunden, um den damaligen Wohnsitz in London für die kanadische Heimat aufzugeben. Was folgte, war der Versuch, sich mit den neuen Lebensumständen abzufinden, das Trauma zu verarbeiten und doch nach vorne zu blicken. Songwriter und Produzent Kieran Adams half mit experimentellen Dance-Tracks weiter, langsam, aber sicher begann der Wiederaufbau. „Chin Up Buttercup“ ist entsprechend sarkastisch zu verstehen.

Das bittere „Math Equation“ zählt zu den Herzstücken dieser Platte, handelt von Gaslighting, von Betrug, von purer menschlicher Hässlichkeit. Austra macht keinen Hehl um das eigentliche Thema, begleitet von wummernden Dance-Beats, treibender bis club-tauglicher Dynamik und einer finalen Öffnung, die auch vor etwa 25 Jahren prima funktioniert hätte. Dass hier William Orbits Arbeit für Madonna unter anderem als Inspiration herhielt, ist kaum zu überhören. Hingegen wirkt „Look Me In The Eye“ gebrochen bis resignierend, wandelt letztlich verständlichen Schmerz in so etwas wie Hoffnung um und klingt so poppig linear wie selten.

Im abgestürzten „Fallen Cloud“ rückt die Disco unheimlich nahe. Viel direkter und unmittelbarer könnte der Beat kaum ausfallen, kleinere melodische Spielereien kommen nach und nach hinzu und verändern das Geschehen leicht. Austra breitet die Arme aus und verbindet New-Age-Elektronik mit den fünf Phasen der Trauer. Im ellenlangen „The Hopefulness Of Dawn“ kehrt schließlich Katharsis ein, wenn Trauer verschwindet und durch Hoffnung abgelöst wird. Die Protagonistin berappelt sich und lässt sich von einem pulsierenden Beat erneut in den Club ziehen. Dazu passt auch die thematische Zange dieser Platte, eröffnet von „Amnesia“, dem schüchternen Hoffen auf Vergessen, und abgerundet durch „Good Riddance“, das mit der Vergangenheit abschließt.

Man möchte sie in den Arm nehmen, mit ihr tanzen, sie anfeuern und ihr letztlich zu einer grandiosen Platte gratulieren. Austra kämpft sich nach einer beschissenen Zeit auf eindrucksvolle Weise zurück und garniert dies mit einem erstaunlich zugänglichen Album. „Chin Up Buttercup“ bleibt zwar auf durchaus vertraute Weise kunstvoll und anderweltlich, findet dennoch vermehrt zu poppigen Synth-Hooks und echten Club-Bangern, denen man sich nicht entziehen kann. Die Mischung stimmt von der ersten bis zur letzten Minute und zeigt das Auferstehen einer Person, einer Künstlerin, wie Phönix aus der Asche – großes Kino.

Wertung: 4/5

Erhältlich ab: 14.11.2025
Erhältlich über: Domino Records

Website: austra.fyi
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