Angine de Poitrine – Vol.II

Angine de Poitrine
(c) Spectacles Bonzaï

Zwei bizarre, anonyme Figuren in gepunkteten Pappmaché-Kostümen mit überlangen Nasen spielen eine mikrotonale Live-Session und werden über Nacht zur viralen Sensation. Dieser Fiebertraum ist für Angine de Poitrine Wirklichkeit geworden. Nach dem französischen Begriff für ‚Angina pectoris‘ benannt, ziehen Khn und Klek de Poitrine aus Saguenay im kanadischen Quebec seit 2019 ihren schrägen wie eindringlichen Mix aus experimentell-progressiver Musik und Performance Art durch. Die Anfang Februar gespielte KEXP-Session wurde inzwischen über 17 Millionen Mal angesehen, das zweite Album „Vol.II“ erhielt daraufhin – wie auch der Vorgänger – einen weltweiten physischen Release. Können die Studio-Versionen mit dem bizarren Live-Charme mithalten?

Und ob: Das bestens bekannte „Fabienk“, zugleich vielleicht bester Track dieses Albums, eröffnet mit vertrauter Vehemenz. Schrille Gitarre, stoischer Basslauf, freizügig eingesetzte Loop-Pedale und drückende, songdienliche Drums tragen das Konstrukt nach vorne. Minimalste Intervallabstände verleihen dem Math-Sound seine herrlich verstörende wie eindringliche Eigentümlichkeit, die nahezu singenden Passagen mittendrin und der Disco-Groove machen Laune. Auch „Sarniezz“ macht Lärm, wirkt ab der ersten Sekunde drückend und getrieben, während die Gitarre die Anti-Tonleiter rauf- und runterhetzt. Wunderbar hektisch-punkige Zwischensprints runden das Geschehen ab.

In weiterer Folge stellen sich Angine de Poitrine möglichst breit auf und versuchen ein paar Dinge. Wie im – natürlich – nervösen „Yor Zarad“, das seine Gitarre so jenseitig wie menschenmöglich einsetzt und das Tempo mit wundervollem Druck variiert. Vorwitzige poppige Momente mittendrin und eine Art Hummelflug auf den Saiten führen in eine voluminöse Groove-Monstrosität, die in den Schlusssekunden abreißt. Hingegen legt „Utzp“ ein vergnügliches Tänzchen hin, täuscht eine Tour rundet um die Welt an und baut verschiedenste progressive Elemente von verschiedensten Kontinenten in seinen Aufgalopp ein. Dass die zweite Hälfte urplötzlich am Rad dreht und fast metallisches Stampfen bemüht, hätte man vorhersehen können. Wobei – wie eigentlich?

Sehr viele Fragen, sehr wenig Antworten und wunderbare Rätsel bleiben zurück. Etwas Beefheart hier, eine Portion black midi da, bestens gelaunte Battles, vielleicht sogar ein Hauch Gizzard und letztlich eigentlich nichts davon: Wie Angine de Poitrine dermaßen durch die Decke gehen konnten, bleibt verwunderlich. Der richtige Sound und die richtige Präsentation zur richtigen Zeit? Erstaunlich viel Substanz für ein höchst eigenwilliges, auffälliges Erscheinungsbild? Was auch immer es ist, die Kanadier reiten die Welle gekonnt. „Vol.II“ bestätigt den Hype auf Platte, ist herrlich unorthodox und gerade deswegen so grandios. Mikrotonale Musik schafft Groove, Headbanger und Abrissbirnen, oft in exakt dieser Abfolge. Und die Nase wippt zustimmend mit.

Wertung: 4,5/5

Erhältlich ab: 03.04.2026
Erhältlich über: Spectacles Bonzaï

Website: anginedepoitrine.com
Facebook: www.facebook.com/angine.poitrine