Tungsten – Ashes

Wer die skandinavische Heavy-Metal-Szene im letzten Jahrzehnt aufmerksam beobachtet hat, durfte den beeindruckenden Aufstieg von Tungsten, eines Nordic Folk Power Metal-Familientreffens der besonderen Art, hautnah miterleben. Das schwedische Gespann ging ursprünglich aus einer ambitionierten Idee von Drum-Legende Anders Johansson (bekannt von HammerFall) und seinen Söhnen Karl und Nick hervor, hat sich inzwischen aber zu einer eigenständigen, unaufhaltsamen Metal-Institution entwickelt. Das Erfolgsgeheimnis? Die vierköpfige Truppe bricht die traditionellen Genregrenzen des Power Metal nicht nur regelmäßig mit modernen Elementen, sondern stellenweise auch mit erfrischend eigenwilligen, nahezu skurillen Impulsen auf. Fast genau zwei Jahre nach ihrem letzten Studio-Ausrufezeichen „The Grand Inferno“ legen die Nordmänner nun den nächsten Meilenstein nach: Mit „Ashes“ erscheint ihr fünftes, von Fans bereits sehnsüchtig erwartetes Werk.
Schon das erste Drittel von Ashes demonstriert eindrucksvoll, dass die Truppe ihre Lust an exzentrischen Farbtupfern keineswegs verloren hat. Die Vorab-Single und gleichzeitig der Opener „Joker“ prescht kompromisslos nach vorne und serviert direkt einen massiven Aha-Effekt: Hier werden peitschende Modern-Metal-Gitarren eiskalt mit echtem Gejodel gekreuzt – eine völlig verrückte Kombination, die sich jedoch als absoluter Party-Garant im Kopf festfrisst. Nahtlos daran knüpft das treibende „Bite My Tongue“ an, welches die härtere Gangart des Albums untermauert, ehe das Quartett mit „Fuego Del Sol“ das nächste hochgradig skurrile Highlight zündet. Dieser feurige Stampfer bricht mit mexikanischem Flair und spanischen Textzeilen herrlich aus dem Genre-Korsett aus und dürfte live für ordentlich Wirbel und Sombrero-Stimmung sorgen. Dass Tungsten auch die ganz großen Breitwand-Hymnen beherrschen, beweist das epische „Supernova“, dessen Refrain wie geschaffen für lautstarke Chöre auf den Festivalbühnen dieser Welt ist.
Die zweite Albumhälfte widmet sich dann wieder verstärkt dem klassischen Power-Metal-Einmaleins, verliert dabei aber nie den modernen Fokus. Angeführt vom extrem variablen Gesang von Mike Andersson, der dem Sound seinen unverkennbaren Stempel aufdrückt, reiten Stücke wie das hymnische „Sunshine Of Fall“ stilsicher durch heroische Klanglandschaften. Das absolute Kronjuwel der B-Seite verbirgt sich jedoch in „The North Will Rise“: Für diese wuchtige Power Metal-Hymne haben sich Tungsten keinen Geringeren als Sonata-Arctica-Frontmann Tony Kakko ans Mikrofon geholt – eine Kooperation voller Spielfreude, die für echte Gänsehaut sorgt. Einen kleinen Durchhänger leistet sich das Werk kurz vor dem Finale allerdings mit „Ruin“, das trotz cooler Riffs melodisch leider ein wenig blass bleibt und etwas ziellos vor sich hinplätschert. Beim abschließenden Rausschmeißer „The Forge“ zeigen sich Tungsten aber noch mal in Bestform: Die gewohnte Härte wird hier noch einmal perfekt mit den orchestralen Trademarks der Band verschmolzen.
Alles in allem haben Tungsten mit Ashes wieder einmal ein richtig starkes Album abgeliefert, das trotz minimaler Längen im Mittelteil vollends überzeugt. Die Scheibe jongliert gekonnt mit epischen Sabaton-Vibes, zeitgemäßen Synthie-Teppichen und purer Eingängigkeit. Für Anhänger der reinen True Metal-Lehre dürfte das Gesamtpaket zwar ein ziemliches Worst Case-Szenario darstellen – nicht nur wegen der modernen Anleihen, sondern auch wegen ausgeprägter Blicke über den Tellerrand. Das famose Riff-Gewitter behält aber immer genug Brachialität, um auch Fans etwas härterer Töne zu überzeugen – sofern sie eine gewisse Open-Mindedness an den Tag legen. Mit knapp unter 40 Minuten Spielzeit ist das Album zudem angenehm rund und knackig ausgefallen – Leerlauf ist somit nicht zu befürchten. Allen Fans modernen, hochmelodischen Power Metals mit Mut zur Experimentierfreude kann hier nur eine echte Kaufempfehlung ausgesprochen werden.
Wertung: 4/5
Erhältlich ab: 09.10.2026
Erhältlich über: Reigning Phoenix Music (Edel)
Website: www.tungstenofficial.net
Facebook: www.facebook.com/tungstenband
