Beartooth – Pure Ecstasy

Beartooth
(c) Ashley Osborn

Vom brutalen Seelenstriptease zum kollektiven Befreiungsschlag: Wer den Weg von Beartooth in den letzten zehn Jahren verfolgt hat, weiß, dass diese Band nie bloß Musik gemacht, sondern pure, ungefilterte Psychotherapie betrieben hat. Was 2012 in Columbus, Ohio, als persönliches Soloprojekt von Mastermind Caleb Shomo (ehem. Attack Attack!) begann, mutierte rasant zu einer der absolut prägenden Konstanten im modernen Metalcore. Das Besondere an der Truppe? Shomo schreibt, produziert und instrumentiert die Alben traditionell fast komplett im Alleingang im Studio – Beartooth fungieren erst live als komplette Band.

Seit dem Debütalbum haben sich Beartooth deutlich weiterentwickelt hin zu einem Sound, der den Schmerz nicht mehr nur erträgt, sondern ihn in stadiontaugliche Hymnen voller Lebensmut verwandelt. Genau an diesem Wendepunkt zwischen emotionalen Extremen, neuer Härte und unerwartetem Licht setzt das nächste Kapitel an, denn dieser Tage veröffentlichen Beartooth „Pure Ecstasy“, ihr sechstes Studioalbum und gleichzeitig das erste bei Fearless Records.

Die erste Hälfte von Pure Ecstasy macht von Sekunde eins an unmissverständlich klar, dass der Albumtitel hier Programm ist. Der Opener und Titeltrack „Pure Ecstasy“ geht mächtig ab und fungiert als perfekte Brücke vom Vorgänger-Sound hin zur neuen Ära: brutal nach vorne gehend, aber mit einem Refrain, der sich sofort im Gehörgang festbeißt. Direkt danach folgt mit „Eyes Closed“ das erste gigantische Highlight – eine absolute Hymne, die genau diese Beartooth-Magie einfängt: düstere Strophen, die in einem explosionsartigen, stadiontauglichen Sing-along münden. Dass Caleb Shomo seine Wut trotz aller neu gefundenen Lebensfreude nicht verloren hat, beweist das herrlich aggressive „Bullshit“ – inklusive eines Breakdowns, der in den kommenden Moshpits für ordentlich Wirbel sorgen dürfte. Nach dem emotionalen, fast schon poppig-greifbaren „Beautiful Again“ folgt mit „Stadium“ der namentliche Beweis für die Entwicklung der Band: Eine riesige Rock-Nummer, maßgeschneidert für die ganz großen Arenen dieser Welt. Leider plätschert „Free“ im Anschluss dann leider etwas ziellos vor sich hin.

Die zweite Hälfte des Albums hat dann noch ein paar richtig spannende Experimente in petto. Da wäre zum einen das hypermelodische „Sorry“, das mit einem überraschenden Intro aufwartet – die Beats klingen wie eine Mischung aus modernem Trap und klassischem 80er-Freestyle-Rhythmus, bevor der Refrain einsetzt und für echte Gänsehaut sorgt. Auch „You“ bricht mit klassischen Mustern und überrascht im Intro mit Sprechgesang, nur um danach umso ordentlicher abzugehen. Den schwächsten Song des gesamten Albums finden wir allerdings ebenfalls hier: „For Me By Me“ liefert zwar einen cool stampfenden Rhythmus, bleibt von den Melodien her aber leider völlig blass. Dafür entschädigt das abschließende „I Made It“: ein extrem überraschender Rausschmeißer mit leichten 80er-Anleihen und prominenten Synthies, der aber dennoch rockig genug bleibt, um nicht in reinen Synthwave abzudriften – ein echtes Ausrufezeichen zum Schluss.

Unterm Strich liefern Beartooth mit „Pure Ecstasy“ ein verdammt starkes Gesamtpaket ab, das trotz zwei kleinerer Aussetzer auf ganzer Linie überzeugt. Die Platte besticht durch eine extrem gelungene Abwechslung aus gewohnter Härte, großen Melodien und absoluter Eingängigkeit. Ein reines Metalcore-Album ist das hier definitiv nicht mehr – dafür ist der Blick über den Tellerrand zu dominant –, aber Caleb Shomo behält immer noch genug Brachialität im Sound, um das Genre-Label mit Stolz tragen zu können. Ein riesiger Pluspunkt ist zudem die Spielzeit: Mit knapp 39 Minuten ist das Album angenehm rund und knackig ausgefallen. Das ist in Zeiten von ultrakurzen Streaming-Häppchen im modernen Core-Bereich leider keine Selbstverständlichkeit mehr. Wer auf modernen Alternative Metal und eingängigen, hochmelodischen Metalcore steht, bekommt hier eine fette Kaufempfehlung.

Wertung: 4/5

Erhältlich ab: 28.08.2026
Erhältlich über: Fearless Records / Concord (Universal Music)

Website: beartoothband.com
Facebook: www.facebook.com/BEARTOOTHband