Annie Taylor – Out Of Scale

Annie Taylor
(c) Christian Taro

Der kantige, treibende und vielschichtige Sound von Annie Taylor trifft einen Nerv. Bereits mit dem Einstand wurde die Band aus Zürich international bekannt. Eine weitere Platte folgte, man tourte durch Großbritannien und die USA, spielte eine legendäre KEXP-Session, trat beim SXSW und beim Reeperbahn Festival auf. Neuer Stoff entstand vor allem im vergangenen Sommer, als die Heimatstadt fast leer gefegt war, als man einfach machen und fühlen konnte. „Out Of Scale“ entwickelt den Sound geschickt weiter, kann gleichzeitig roh und hart, aber auch reduziert und intim klingen, begleitet von Liedern über Freundschaften und Liebesbeziehungen.

Diese eigenwillige Stimmung einer nahezu ausgestorbenen, schwitzenden und zugleich weit offenen Stadt wird im Rahmen dieser Platte immer wieder greifbar gemacht. „That City“ trägt das bereits im Titel und lässt sich treiben. Die Gitarren transportieren schwitzenden Asphalt, Drums und Bass tanken sich durch intime Leere, die Vocals lassen sich gedankenverloren treiben. Annie Taylor fangen die Unwirklichkeit eines heißen Sommertages gekonnt ein. Es geht aber auch ganz anders, wie es der Opener „Alligator“ eindrucksvoll demonstriert. Ordentlich Druck aus allen Rohren, etwas Punk im Unterbau und Attitüde im XXL-Format treiben diese knapp dreieinhalb Minuten vor sich her.

In weiterer Folge tanken sich die Schweizer durch wechselnde Stimmungen. Wie in „Silence“, das gleichzeitig understatet, vorsichtig und doch eindringlich anmutet. Oder „Fire“, ein wunderbar stotternder und gleichzeitig kraftvoller Track, der nicht zum letzten Mal Vergleiche mit Courtney Barnett und Wet Leg zulässt. Gekonntes Spiel mit Laut-Leise-Dynamik und räudige Indie-Melodien finden hier zusammen. Hingegen lässt sich „The Ocean“ einfach treiben. Zarte Wellen mit Psychedelic- und Grunge-Untertönen tasten sich in Richtung Land vor und verschwinden urplötzlich wieder. „Places“ rundet freundlich und vorwitzig ab, geht sofort ins Ohr und drängt in bekömmliche Pop/Rock-Gefilde.

Mission geglückt: Annie Taylor werfen natürlich nicht alles über Bord, was sie auszeichnet, finden aber frische Wege, um sich musikalisch zu verwirklichen. Dabei ist weiterhin alles am Start, was das Quartett aus Zürich auszeichnet – kantige Riffs, beherzte Gitarren, fast punkiger Rock, aber auch ganz feinsinnige Momente introvertierter Intimität. Bloß großer, ausdrucksstärker und ausgereifter als zuletzt, was angesichts der beiden starken Vorgänger einiges heißen mag. Auf „Out Of Scale“ treiben Annie Taylor ihre Evolution voran, zeigen sich als noch bessere Songwriter und verstehen es auf packende Weise, mit wechselnden Stimmungen und Eindrücken umzugehen. Diese Platte darf nicht nur im kommenden Festival-Sommer auf keinen Fall fehlen.

Wertung: 4/5

Erhältlich ab: 22.05.2026
Erhältlich über: Clouds Hill (Broken Silence)

Website: www.annietaylorband.com
Facebook: www.facebook.com/annietaylorband