Kevin Morby – Little Wide Open

Die bislang längste Albumpause seiner Solokarriere liegt hinter Kevin Morby. Wobei, untätig war er nach dem Release von „This Is A Photograph“ vor fast auf den Tag genau vier Jahren keinesfalls. Es gab eine kleine Compilation-Fortsetzung, eine Soundtrack-Arbeit, zudem kam die Einladung, The National in London zu supporten. Deren Gitarrist Aaron Dessner meldete sich nach seinen Arbeiten mit Taylor Swift, Ed Sheeran und Gracie Abrams kurze Zeit später bei Morby, um dessen neue Platte zu produzieren. Gesagt getan: Mit „Little Wide Open“ findet eine eher zufällig entstandene Trilogie, die die eigene Zeit im Mittleren Westen dokumentiert, ihren Abschluss.
Ab den ersten Tönen des Openers „Badlands“ fühlt man sich angekommen. Morbys weiche Stimme, die legere Instrumentierung mit Folk- und Americana-Touch, geradezu magische Atmosphäre und stetig wachsende Intensität finden binnen Sekunden zusammen. „Die Young“ nimmt sich konzentriert zurück und lässt den Song kommen. Gemächlich treibt das Arrangement vorbei, von folkoristischer Instrumentierung und butterweichen Vocals begleitet. Im Grunde tut sich herzlich wenig, Morby kostet den Moment aus und tummelt sich in einem Meer wundervoller Entschleunigung. Gelegentliche Zweitstimmen unterstreichen den besonderen Charme.
Zwei Mini-Epen rücken die Größe dieser Platte in den Mittelpunkt. Der Titelsong „Little Wide Open“ dauert stolze acht Minuten und zieht sich doch zu keiner Zeit. Das gemächliche, salbungsvolle Auftreten, wunderbarer Minimalismus und der legere Spaziergang durch offenes Gelände lassen die Gedanken kreisen. „Natural Disaster“ ist nur unwesentlich kürzer und bricht über weite Strecken komplett auf Gesang und Gitarre herunter. Die lautmalerische, energische zweite Hälfte ist dafür ein kleines Post-Rock-Meisterstück. Verspielte Songs mitten aus dem Herzen, wie „Dandelion“ mit seiner fabulösen Zweitstimme, das fast beschwingte „All Sinners“ und das mit drastischeren Tönen versehene „Bible Belt“, runden gekonnt ab.
Und dann ist da natürlich noch die grandiose Gästeliste mit allerlei Freunden und Wegbleitern. Neben Dessner sind Justin Vernon (Bon Iver), Amelia Meath, Mat Davidson, Lucinda Williams und viele andere zu hören – ein folkiges Who-is-Who, das sich stets im Hintergrund hält und Kevin Morby das verdiente Rampenlicht überlässt. Bei einer ganzen Stunde Musik gibt es aber auch richtig viel davon, wobei „Little Wide Open“ keine nennenswerten Schwachstellen zu vermelden hat. Der konstante Fluss dieser ruhigen, zurückgenommenen Folk- und Americana-Platte trifft mit Anlauf ins Herz und nimmt fest in den Arm, von Schönheit, Anmut, aber auch Schweiß und elementaren Fragen begleitet. Morby meldet sich gewohnt stark zurück.
Wertung: 4/5
Erhältlich ab: 15.05.2026
Erhältlich über: Dead Oceans (Cargo Records)
Website: www.kevinmorby.com
Facebook: www.facebook.com/kevinrobertmorby
