Jacob Brodovsky – Tell The Kids We Tried

Jacob Brodovsky
(c) Matt Horseman

Das nennt man wohl eine ‚Self-fulfilling Prophecy‘: Jacob Brodovsky nahm in den letzten Jahren von Verlust und Enttäuschung geprägte Songs auf, die im Vorjahr Realität wurden. Nachdem er weite Teile seines Lebens – zuletzt mit seiner Frau als Co-Geschäftsführer – in jüdischen Sommercamps verbracht hatte, brachten ihn politische Spannungen zum Rückzug von seiner Gemeinschaft. Diese Mischung aus Verlust und Verwirrung, aber auch aus Hoffnung und der Ermutigung, das Gute in einer schweren Situation zu sehen, prägt Brodovskys zweites Album „Tell The Kids We Tried“ – auch unter dem Eindruck der Geburt seines zweiten Sohns.

Viele der neuen Songs entstanden während einer Songwriting-Challenge, die jede Woche ein neues Lied hervorbringen sollte. Das führte zu erzwungermaßen spontanen Entscheidungen, womit sich weite Teile des neuen Materials als Momentaufnahme verstehen lassen. Die Intimität eines „Older Too“ passt prima in diese Kategorie, wirkt gleichermaßen zaghaft und eindringlich. Brodovskys Stimme hebt sich oft nur geringfügig vom restlichen Arrangement ab und birgt eine schwer in Worte zu fassende Fragilität in sich, zugleich entschieden auftretend. Ein „Downer“ ist das aber keinesfalls, ebenso wenig der fröhlich angeschlagene, gleichnamige Song samt unwiderstehlichem Drive.

„Colorado Low“ ist so etwas wie der Hit der Platte, erinnert mit seinem bestens aufgelegten Indie-Folk-Bandsound und dem vergnügten, dezent abgründigen Gesang etwas an Death Cab For Cutie. Die vierminütige Energieleistung samt Americana-Einschlag geht ebenso wenig aus dem Kopf wie das anschließende „Kids“, dessen nervöse Hektik jene innere Unruhe beschwört, die beim späteren Verlust der Gemeinschaft das Heft in die Hand nehmen wird. Fast versöhnlich beschließt „It’s Alright“ dieses zweite Album. Gemeinsam mit Dominique Adams und Taylor Jackson ergibt sich ein munterer und zugleich introspektiver Folksong, der Kraft in der Idylle sucht und sich überlegt, ob und wie man sich mit der neuen Situation abfinden kann und soll.

Von einer durchgehend nervösen, unruhigen Platte zu sprechen, wäre gewiss verkehrt. Hoffnung spielt auf „Tell The Kids We Tried“ ohne Frage eine nicht zu verachtende Rolle und ist eine wichtige, letztlich aber bestimmt nicht die einzige Zutat, die dieses zweite Album prägt und trägt. Brodovsky sucht und findet, betrauert etwas und geht doch erhobenen Hauptes nach vorne, von einer quasi vorhergesagten neuen Realität begleitet. Starke Helfer und Zweitstimmen, lohnenswerte Wechsel in Richtung Bandsound und intime Reduktion schaffen eine faszinierende, beherzte Platte, die erneut zeigt, warum Jacob Brodovsky zu den wichtigsten neueren Folk-Stimmen zählt.

Wertung: 4/5

Erhältlich ab: 10.07.2026
Erhältlich über: Make My Day Records (Indigo)

Website: www.jacobbrodovsky.com
Facebook: www.facebook.com/jacobbrodovsky