JJerome87 – The Canyon

Normalerweise empfindet Joe Newman eine gewisse kreative Erschöpfung, wenn ein Album seiner Band alt-J fertiggestellt wurde. Als deren jüngste Platte „The Dream“ schließlich im Kasten war, ging es aber einfach weiter. Unter dem Eindruck der Geburt seiner Tochter und dem Dasein als junger Vater begann er, diese Erfahrungen mit Erinnerungen aus seiner Kindheit und Jugend zu neuen Geschichten zu verweben, die sich sowohl thematisch als auch musikalisch ein wenig außerhalb vertrauter Muster bewegen. Nachdem der Solo-Einstand „The Canyon“ vergangenen Dezember etwas unorthodox auf seiner Homepage zu kaufen war und als ZIP-Datei übermittelt wurde, wagt er als JJerome87 nun doch noch einen breiten Release.
Selbstverständlich lassen sich gewisse Parallelen zu alt-J erkennen: „Green Velvet“ könnte mit ein paar Tweaks in Richtung noch stärker in Richtung Art Rock wandern, wirkt eindringlich und trägt doch eine gewisse trügerische Ruhe in sich. Feinsinnige Pop-Kanten, funky angeschlagene Gitarren und dieser kurze, eindringliche Chorus machen Laune. Das vorwitzige „Brush Me Like A Horse“ haut ein paar Country- und Americana-Elemente raus, stellt Montana und Idaho gegenüber, während die für Newman so typischen Vocals und Backings samt komplexen, leicht verkopften Kunstgriffen im Arrangement eifrig dagegensteuern.
Ganz groß auf möglichst bizarre Weise ist „Quaaludes“, ein weiterer potenzieller alt-J-Track, der mit seinen gehauchten RnB-Backings im Refrain ein herrlich belämmertes Lächeln entlockt. JJerome87 schwebt auf Wolke 7, psychedelische Abgründe kollidieren mit einer unwiderstehlichen Melodie. Im Vergleich dazu wirkt „Track And Field“ fast schon konventionell, energisch und eingängig wie Sau. Viel mehr Pop und Indie-Chic gibt es auf diesem Album kaum, die Hook lässt nicht los. Ähnliches bemüht der Opener „Mr. Alligator“, lehnt sich dabei jedoch immer weiter zurück und macht dabei Platz für den einen oder anderen Radiohead-Vergleich – die Tonleiter rauf und runter, von unruhigen Sounds umspült und mit großartigen Co-Vokalisten ringend.
Welch Glück, dass sich Joe Newman für einen breiten Release seiner ersten Soloplatte entschieden hat; sonst wäre womöglich eines der Alben des Jahres (oder des Vorjahres!?) durchgerutscht. alt-J grüßen natürlich an allen Ecken und Enden, das lässt sich alleine schon aufgrund der Stimme nicht vermeiden. Und doch steht JJerome87 auf spannenden eigenen Beinen, sowohl in den gerne surrealen Geschichten, den höchst vielschichtigen Arrangements mit mehr Pop-Appeal als auch in der aufregenden Art und Weise, wie er mit Vertrautem umgeht und daraus einen komplett eigenen Weg klöppelt. „The Canyon“ ist ein aufregender Einstand, der kunstvolle Pop-Visionen und ganz viel Gefühl mit ungewöhnlichen Ohrwürmern verbindet – eine jener Platten, die man unbedingt gehört und erlebt haben muss.
Wertung: 4,5/5
Erhältlich ab: 26.06.2026
Erhältlich über: Mushroom Music / Virgin Music
Website: jjerome87.com
Facebook: www.facebook.com/p/JJerome87-61585418039512
