Death Cab For Cutie – I Built You A Tower

Die Vorzeichen für das mittlerweile elfte Studioalbum von Death Cab For Cutie könnten kaum spannender sein. Nach über 20 Jahren ist man nicht mehr bei einem Major unter Vertrag, nach der Pandemie-Platte „Asphalt Meadows“ war man endlich wieder gemeinsam im Studio – mit einem mittlerweile eingespielten, nicht mehr ganz so neuen Line-up – und zudem galt es, die wieder leicht aufsteigende Form zu konservieren. „I Built You A Tower“ überrascht zudem als sehr intensive, konzentrierte Auseinandersetzung mit Trauer und Verlust – Gefühle, die Frontmann Ben Gibbard jahrelang erfolglos in einem steinernen Grabmal zu verbergen versuchte.
Die elf Songs sind als Auseinandersetzung und Versöhnung mit verschiedenen Versionen des früheren Selbst zu verstehen, um eine neue Zukunft zu finden. Hinter diesen abstrakten, durchaus salbungsvollen Worten steckt musikalische Magie. Das beherzte „Full Of Stars“ arbeitet sich behutsam aus den reduzierten Untiefen der Selbsterkenntnis hervor und regt an, zu sich selbst etwas netter zu sein. Dass aus diesen nachdenklichen, semi-balladesken Tönen das schroffe, vertrackte „Punching The Flowers“ entspringt, ist symptomatisch für den weiteren Verlauf dieser wechselhaften Platte. Massig Distortion, Loop-artige Strophen und feinsinnige Melodieansätze im Refrain bereiten eine Art Pulverfass vor.
In weiterer Folge heben Death Cab For Cutie wieder und wieder ab – wie im ruppigen, kathartischen „How Heavenly A State“, dessen Hektik aus der Garage mit kleineren Art-Experimenten kollidiert, nur um mittendrin für nahezu spirituelle Momente zusammenzuklappen. Brutale Riffwände darf man sich von „The Flavor Of Metal“ nicht erwarten, das wäre zu offensichtlich. Stattdessen schüttelt das Quintett einen der besten Refrains des gesamten Albums aus dem Ärmel und lässt den Bass dabei bedrohlich anrollen. Mindestens so spannend ist der zweiteilige Titelsong – im ersten Abschnitt mit einem Hauch Aufbruchsstimmung gesegnet, der doch versiegt, während der abschließende zweite Teil laute Gitarren zu müder Resignation anstiftet.
So lebendig, energisch und fokussiert hat man Death Cab For Cutie seit längerer Zeit nicht gehört. Die jüngeren Jubiläumstourneen zu den legendären Alben „Transatlanticism“ und „Plans“ trieben ihnen nach eigenen Angaben jegliche Gefühle von Nostalgie aus und veränderten die Wahrnehmung, wie neue Songs zu klingen haben. Diese Freiheit, zugleich in der persönlichen Vergangenheit fest verankert, bekommt „I Built You A Tower“ richtig gut. Beim Versuch, diesen Turm sukzessive einzureißen und der eigenen Zukunft den Weg zu ebnen, kollidiert das Quintett mit spannenden, schwerfälligen Experimenten, mit aufgebrochener Formensprache und energischem Drive. Und doch sind die feinen, herzhaften Melodien und die zarte Magie früherer Werke weiterhin greifbar. Death Cab For Cutie berappeln sich weiterhin; ein neuer Klassiker ist bei dieser aufsteigenden Form nur eine Frage der Zeit.
Wertung: 4/5
Erhältlich ab: 05.06.2026
Erhältlich über: ANTI- Records (Indigo)
Website: www.deathcabforcutie.com
Facebook: www.facebook.com/deathcabforcutie
