Swiss Army Wife – I Love You, But I Hate It Here

Seit einigen Jahren wächst in Portland eine kleine, aber feine Szene an jungen Bands heran, die gerne laut unterwegs sind. Swiss Army Wife haben das Zeug, aus dieser auszubrechen. Das Quartett veröffentlichte seinen ersten Song vor fünf Jahren und entwickelte sich vom pandemischen Projekt zur kompletten Band. Bislang gab es ein Album und eine EP, jeweils mit prominent platzierten Pferden auf dem Artwork. Diese tauchen nun nur noch schemenhaft auf: „I Love You, But I Hate It Here“ setzt sich mit geliebten Dingen auseinander, die zu verschwinden drohen, und spannt den Bogen von einer Kindheit und Jugend in the middle of nowhere bis zur systemischer Instabilität der (nicht nur) amerikanischen Gegenwart.
Herumalbern im Einkaufswagen, bis die gelangweilte Security eingreift: „Shopping Carts“ zeichnet ein klares und doch schemenhaftes Bild vom Erwachsenwerden. Der kantige, kratzige Emo schlägt immer wieder aus, lässt sich zu kurzen Screamo-Parts hinreißen und fällt mittendrin wie ein Kartenhaus n sich zusammen. Letztlich nimmt der Track wieder Schwung auf, schwerfällig, hymnisch und leicht schief, dabei grundsympathisch. In zweieinhalb Minuten stecken mehr Ideen als manche Bands auf kompletten Alben unterbringen. „Elliot“ bemüht die Überspitzung und stellt eine der eingängigsten Melodien der gesamten Platte neben betont wütende, spitze Schreie. Eine weitere lange Zäsur geht unter die Haut.
Das konstante Spiel mit Erwartungen und Songstrukturen zählt zu den Highlights dieses Zweitlings. So liebt „Emergency Contact“ beispielsweise sein kantiges Stakkato ebenso wie die eingängigen Momente des versuchten Innehaltens, bevor urplötzlich ein Meer an Gefühlen aus dem Innersten der Seele herausbricht. Im Doppel „Heartland“ und „Reflecting Pool“, beide jeweils unter zwei Minuten, kondensieren Swiss Army Wife ihr Storytelling auf ein Minimum und verbinden flüchtige Erinnerungen mit wüsten Schreien. Mit dem aktuellen Mini-Screamo-Revival hat man aber wenig tun, viel mehr schon mit den Emo-Übergängen von Hardcore zu Rock, wie die harmonischen und zugleich ungeschliffenen Sollbruchstellen in „Cowboy“ zeigen.
„I Love You, But I Hate I Here“ sagt in gut 26 Minuten alles und lässt doch so vieles ungesagt. Die etwas sehr kompakte Spielzeit ist vielleicht der einzige wirkliche Kritikpunkt an diesem Zweitling, der aber letztlich kein Gramm Fett zu viel mitbringt. Dabei muss man sich auf den eigentümlichen Ansatz von Swiss Army Wife erst einlassen, speziell die gelegentlichen Wutausbrüche, den stets greifbaren Schmerz sowie die minimalistischen, intimen Zäsuren, die den Fluss im besten Sinne stören und ganz genau hinhören lassen. Das zweite Album der jungen US-Emo-Helden ist (noch) ein Geheimtipp und klingt wie der Beginn (bzw. die Fortsetzung) von etwas Großem.
Wertung: 4/5
Erhältlich ab: 12.06.2026
Erhältlich über: We’re Trying Records
Facebook: www.facebook.com/Swissarmywifeband
