Kaktus Einarsson – Factoid Happiness

Glück und Freude – was das genau ist, beschäftigt Kaktus Einarsson seit geraumer Zeit. Der Musiker und Songwriter aus Island konzentriert sich auf seinem dritten Album darauf, wo man Happiness (angeblich) finden kann. Vermeintliche Wege zur Fröhlichkeit gibt es viele, als bloße Halbwahrheiten verkauft, von Algorithmen bestimmt und letztlich doch oft nur davon abhängig, ob man daran glaubt. Was sich zugegebenermaßen verkopft und abstrakt liest, liefert die durchaus philosophische Basis für „Factoid Happiness“, ein Werk über die Herausforderungen und Reizüberflutung des modernen Lebens, die Kommodifizierung des Glücks und der Schönheit des Gemeinsamen.
Produziert wurde diese Platte vom französischen Multi-Instrumentalisten Thibault Gomez, der auch im exzellenten Opener „Borrowed Dreams“ mitmischt – ein flottes, hibbeliges und leidenschaftliches Stück Musik, das mit Pop-Schlagseite gegen den Konsumwahn ankämpft und nach etwas Echtem sucht. „Glycerine“ findet genau das, begleitet von einer funkigen Bassline. Es geht um den Urlaub mit der Familie und den längsten Tag in Island, wenn die Sonne nicht untergeht – beides Formen von Glück. Der Rap-Part ist eine faustdicke Überraschung und wurde von Einarsson selbst performt, da sich ein erhofftes Feature kurzfristig zerschlug. Kann man machen, hat Charme.
Eine ganz andere Form von Charme hat das gemeinsam mit John Grant dargebotene „Follow“, das von einer wahren Begebenheit handelt, als eine homophobe amerikanische Touristin Einarsson in einen Live-Stream auf einer in Pride-Farben bemalten Straße Reykjaviks einbeziehen wollte. Der herrlich unwirklich instrumentierte Track fängt die pointierte, unmissverständliche Reaktion ein. Direkt davor lauert passenderweise „Situated Lovers“, ein beherzter Disco-Track, dessen Lead-Synth ohne Umwege ins Ohr geht und sich dort einnistet. Als krasses Gegenstück bricht „Lemon Taste“ die Instrumentierung auf ein absolutes Minimum herunter und serviert semi-akustischen Dream-Pop.
Diese erfrischende Wundertüte in Albumform macht immer wieder aufs Neue Spaß und – eigentlich eh klar – Freude. Kaktus Einarsson verfolgt einmal mehr eine sehr eigene, bekömmliche Version von Pop und Indie Rock, die sich in nahezu konstanter Veränderung befindet und dabei einen Ohrwurm nach dem anderen aus dem imaginären Ärmel schüttelt. Eine endgültige Definition von ‚Glück‘ bietet auch „Factoid Happiness“ nicht, liefert dafür den einen oder anderen möglichen Ansatz und deckt zugleich die Algorithmus-Maschine der Hoffnungs-Quacksalber mit wachsender Begeisterung auf. Vor allem aber setzt es durch die Bank richtig gute Musik, eingängig, beherzt und angenehm eigentümlich. Dieser Kaktus sticht einmal mehr ganz prima.
Wertung: 4/5
Erhältlich ab: 18.09.2026
Erhältlich über: One Little Independent Records (Bertus)
Website: www.kaktus.land
Facebook: www.facebook.com/KaktusEinarsson
