Albert Castiglia – Grits & Glory

Albert Castiglia muss über unendliche Energiereserven verfügen. Aktuell steht bereits sein 13. Studioalbum binnen 25 Jahren in den Startlöchern, zudem tourt er fleißig und spielte – neben einer Reihe an Blues-Größen – zuletzt mit Bill Murray. Murmeltiere waren nicht involviert, wohl aber der Wunsch nach einem Tapetenwechsel. Als sich die Möglichkeit bot, in den legendären Abbey Road Studios aufzunehmen, zögerte Castiglia nicht lange. „Grits & Glory“ wurde mit seiner Live-Band eingespielt und setzt sich auf vielfältige Art und Weise sowohl mit dem Zeitgeschehen als auch mit der Blues-Geschichte auseinander.
Der pointierte Opener „In My America“ trifft mitten ins Herz seiner zerrütteten Heimat und sucht nach dem Gemeinsamen inmitten großer Gräben, selbst wenn Bücher verbrannt und Rechte mit Füßen getreten werden. Das schmerzt im besten Sinne und mutiert zum Rock-Fest – mit drückenden Drums und pulsierendem Basslauf, der wiederholt solierenden Gitarre und furiosen Vocals, die nur schwer die Fassung wahren können. Und doch will man die Hoffnung nicht aufgeben, wenngleich „I’m Afraid To Fall Asleep“ im Anschluss ähnliche Töne anschlägt. Das aber nur im Titel, denn dahinter steckt ein vergleichsweise fokussierter, stilvoller Blues-Standard, der mit wachsender Begeisterung durch die Szenerie tänzelt.
Im instrumentalen Bereich kramt Castiglia die eine oder andere Cover-Version hervor – wie „Afro Blue“ von Mongo Santamaría, ein sympathischer Ausflug in jazzige Gefilde mit dominantem Bass und unheimlich viel Gefühl in jeder Saite. Im direkten Anschluss „Yer Blues“ landet von den Beatles, eine wunderbare Verneigung vor der historischen Aufnahmestätte – und noch dazu richtig schön massiv, mit einem mörderisch interpretierten Riff umgesetzt. An anderer Stelle drosselt „Slumlord Billionaire“ das Tempo und betont Castiglias soulige Seite mit einem Hauch Blues-Standard on top. Das Leitmotiv geht nicht mehr aus dem Kopf, während der Puls der Stadt unerwartet zu bluten beginnt.
Albert Castiglia steht weiterhin für Qualität, Wertigkeit und Herzblut. Die beschissene Gegenwart ging auch am Blues-Veteranen nicht spurlos vorbei und so spart er keineswegs mit Kritik, sucht aber dennoch den wichtigen Konsens. Derlei modernere Auswüchse, begleitet von feinsinnigen Blues-Standards, instrumentalen Exkursen und den obligatorischen Blues- und Southern-Exkursen, machen abermals Laune. „Grits & Glory“ bündelt einmal mehr sämtliche Stärken des mehrfachen Blues-Music-Award-Gewinners auf eine ausführliche Platte ohne Längen. Dieses gewohnt meisterliche Showcase macht Laune.
Wertung: 4/5
Erhältlich ab: 31.07.2026
Erhältlich über: Gulf Coast Records (Bertus)
Website: www.albertcastiglia.net
Facebook: www.facebook.com/albertcastigliaband
