Jasper – Neidlos

(c) ARTWARE FILM GmbH - Erik Lattwein

Im Videoportal Youtube zählt Jasper März zu den populärsten Liedermachern im deutschsprachigen Raum. Seine Songs schreibt und komponiert der 23-jährige Emdener dabei alle eigenhändig. Im Vordergrund stehen stets seine Geschichten, die er in seinen Videos mit Akustik Arrangements, ausdrucksstarker Stimme und Mimik erzählt. Die Begeisterung für Jaspers Videos ist groß, so groß, dass der Sprung vom Videoportal ins Musikstudio gewagt wurde. Mit Erfolg: der Plattenvertrag beim Major-Label Sony Music war schnell unterschrieben und nach Veröffentlichung des „HDL Songs“ folgt nun mit Jaspers Debütalbum „Neidlos“ ein Pop-Album der etwas anderen Art.

Jaspers Musik bleibt auch auf CD akustisch. Zusammen mit den Produzenten und Musikern Detlef  Wiedeke (Bass, Gitarre), Nick Oosterhuis (Orgel, Piano, Gitarre) sowie dem Schlagzeuger Sönke Hardt sind insgesamt 13 handgemachte Pop-Songs entstanden. Neben den acht bekannten Songs aus Jaspers Youtube-Channel finden sich auch vier bisher unbekannte Lieder auf „Neidlos“.

Als Opener wurde „Der Sonne entgegen“ ausgewählt, ein Uptempo-Song der mit seiner Aufbruchsstimmung schnell mitreißt und musikalisch durch harmonische Klänge und ein gelungenes Arrangement überzeugt. Jasper spricht seinen Hörer direkt an und kreiert mit seinen Lyrics vertraute Bilder, die Sehnsucht, Fernweh und Verlangen nach Veränderung auslösen. „Der Sonne entgegen“ zieht einen schnell in seinen Bann und ist mit seinen eingängigen Klängen ein musikalischer Hinhörer.

Jaspers Musik zeichnet sich vor allem durch eine große Vielfalt aus. Während einige Songs gut gelaunt, amüsant oder ironisch daher kommen, drücken andere wiederum auf das Gemüt, sind gefühlvoll oder gar melancholisch. In solchen Momenten passt sich Jasper auch stimmlich an und wählt eine tiefere, nachdenklich klingende Stimmlage. So auch in „Nördlich“, in dem ein unausweichlicher Abschied besungen wird. Ein Abschied von einer geliebten Person, vom alten Leben und der gewohnten Umwelt. „Hinter mir ein Eisentor, ich sperr mich selber aus. Und trägt der Wind mich immer weiter, immer weiter fort, von dir und diesem Eisentor, den Schlüssel lass ich dort, bei dir.“ Man braucht nur die Augen schließen um Jaspers Erzählungen auch bildlich zu verfolgen. Seine ruhige, aber entschlossene Stimme transportiert viel Gefühl und jeder der sich mit diesen Versen identifiziert, kann sie zu seiner eigenen werden lassen.  

So auch bei dem Liebeslied „In meinen Armen“, dass oberflächlich betrachtet zunächst einmal nach übertriebenem Kitsch klingen mag. Doch hört man einmal genauer hin und lässt Jaspers Worte auf sich wirken, entdeckt man hier schnell ein lyrisch sehr starkes Lied, dass im richtigen Moment all die Gefühle der Liebeswelt wie kaum ein anderer Song transportieren kann: „Ich liebe dich, ich halte dich, in meinen Armen, bis zum ersten Sonnenlicht. Und wenn du willst auch noch länger, ja wenn du willst, dann für immer.“ Solche und andere Zeilen benötigen keine weiteren Worte. Sie funktionieren einfach.

In dem Titelsong „Neidlos“ zeigt Jasper, was für ein guter Beobachter er ist und vor allem wie er alltägliche Dinge poetisch in seine Songs einbauen kann. Zwar mag es etwas seltsam klingen, wenn ein erst 23-jähriger seinen Refrain mit „Als ich so alt war wie du […]“ beginnt, doch eben hier lässt sich die Aussage des Songs erkennen. Er zeigt wie schnelllebig die heutige Zeit geworden ist, wie sehr man sich mit Dingen beschäftigt die morgen schon keinen mehr interessieren und was man überhaupt mit der doch eigentlich so wertvollen Zeit anstellt. „Als ich so alt war wie du, hatten Bill und Tom noch keine Fans. Als ich so alt war wie du, war Eisbär Knut noch nicht geplant. Als ich so alt war wie du, hatte Harry Potter grad gezahnt.“ Verse auf die man erst einmal kommen muss.

Tiefgründiger geht es anschließend wieder bei „Nicht die“ und „Für Jérôme“ zu. „Nicht die“ beschreibt wie verletzend Ehrlichkeit sein kann, ebenso aber auch, dass sie manchmal unerlässlich ist. Wenn Jasper also feststellt, dass die besungene Person eben nicht die jenige fürs Leben ist, dann mag das hart klingen, doch manchmal benötigt es eben dieser deutlichem Worte. Der Gedanke, dass Jaspers Lieder auch autobiographisch sind, liegt nah. Doch spiegelt er keine 1:1 Erfahrungen wieder, sondern zeigt vielmehr, wie nah er mit seinen Texten an der Wirklichkeit ist. Die Geschichte von Jérôme beispielsweise berührt einen selbst als Zuhörer und ist eine Art Kurzgeschichte über einen Jungen, der auf die schiefe Bahn gerät und den Kontakt zu Familie und seinem besten Freunde hat abreißen lassen. Erneut schießen einen schnell die passenden Bilder zu JaspersVersen in den Kopf.

Humorvoll wird es bei „Lioba“. Wer den Song bereits aus Jaspers Youtube Chanel kennt, wird mit der musikalischen Umsetzung am Anfang ein paar Probleme haben. Die in dem Video sehr persönliche Stimmung wird durch eine etwas überflüssige Instrumentierung gestört. Doch Jaspers Lyrics bleiben der Mittelpunkt des Songs und zeigen erneut wie geschickt der Umgang mit der deutschen Sprache gelingt. Wenn er also seiner fiktiven Freundin ein „adipöses Herz“ attestiert und auf dessen lautstarke Explosion wartet, ist das nicht mehr als eine charmante Umschreibung ihrer Gutmütigkeit. Jaspers Charakterisierung zuzuhören macht Spaß, da sie stets mit einem Augenzwinkern versehen, sympathisch und humorvoll klingt.            

„Hey Du“ motiviert in aussichtslosen Situationen nicht aufzugeben und zeigt, dass Freunde und auch die Zeit über Tiefpunkte hinweghelfen. Musikalisch ist „Hey Du“ toll umgesetzt und zählt zudem zu den eingängigen Songs des Albums. Auch einer der neuen Songs, „Ein kleines Wort“, gehört in diese Kategorie. Tolle Wortspiele, ein gelungener Refrain und eine charmante Erzählweise begeistern hier gleich beim ersten hören.

Die anderen drei neuen Songs sind Balladen. Während „Ein kleines Lied zur Nacht“ wirklich wie eine gute Nacht Geschichte klingt und in Verbindung mit Jaspers ruhiger und wohlklingender Stimme einen durchaus in den Schlaf singen kann, geht „Dazwischen ein Wort“ erneut auf zwischenmenschliche Probleme ein, während „Wenn du willst“ das genaue Gegenteil besingt. Alle vier neuen Songs ergänzen das bereits bekannte Material sehr gut, auch wenn es einzig „Ein kleines Wort“ zu den direkten Anspieltipps schafft. 

„Neidlos“ ist ein wirklich gelungenes Popalbum eines jungen talentierten Musikers, der sehr feine Antennen für das hier und jetzt besitzt und poetisch pointiert Geschichten aus dem Alltag umzusetzen weiß. Die Mischung aus amüsanten, charmanten, aber auch gefühlvollen und melancholischen Songs, lässt ein abwechslungsreiches Werk entstehen, das trotz aller Wortspiele und Bilder, stets authentisch und ehrlich klingt. Eingängige Songs wie „Neidlos“, „Lioba“, „Der HDL Song“ oder „Ein kleines Wort“ lassen sich schnell als Zugpferd des Albums ausfindig machen, während die emotionalen Erzählungen der ruhigen Songs das starke Fundament bilden. Die akustische Instrumentierung wurde glücklicherweise beibehalten, so dass die atmosphärische Stimmung fast immer voll zur Entfaltung kommt. Lediglich bei vereinzelten Songs hätte man das ein oder andere Instrument gern noch stumm lassen können. Doch sind es eh die Texte, die stets im Vordergrund stehen und Jaspers Musik Herz und Seele geben. Seine Rhetorik ist mit liebevollen Details, intelligenten Nuancen und genug Raum für Interpretationen ausgestattet. Wer „Neidlos“ hört, findet sich schnell in mindestens einem der 13 Songs wieder. Das spricht für Jasper, der es verblüffend oft schafft aus fremden Seelen zu sprechen.
 
15.05.2009
Ariola (Sony BMG)

Jasper @ Home | @ MySpace
Neidlos @ Amazon | @ musicload

Neidlos Live: