La Sécurité – Bingo!

Wie chaotisch darf Punk sein? La Sécurité rufen nur ‚Ja!“ und machen einfach. Das Quintett aus Montreal erklärt Präfix-Präferenzen für Art, Dance und Post, mit etwas Noise, Indie und Gaze als Bonus. Erste nationale und internationale Festivals, darunter ein Reeperbahn-Auftritt, wurden bereits erfolgreich absolviert, das erste Album „Stay Safe!“ erwies sich als hibbelige und zugleich erstaunlich entspannte Platte und wurde verdientermaßen auf die Longlist des Polaris Music Prize gesetzt. „Bingo!“ ist der mehr als unterhaltsame, gerne mal schräge und stets herausfordernde Nachfolger.
Gleich die ersten Töne regen zu Atemlosigkeit an. „Snack City“ ist hektisch, bunt und irgendwie witzig geworden, zumindest musikalisch. Das Spiel mit Polyrhythmik, den lässig eingeworfenen Vocals von Éliane Viens und einer hypermobilen Rhythmusabteilung macht Laune. Als hätte jemand eine Art Missing Link zwischen Devo, Wet Leg und CSS gefunden. Dass derlei – zumindest auf den ersten, flüchtigen Blick – Chaos dermaßen ins Ohr geht, sorgt erst Recht für Unterhaltung. „Deny“ schneidert direkt einen Ohrwurm daraus. Ordentlich Synth-Schmäh, bedrohlich aufbrandende Gitarren und die etwas gedrosselte Geschwindigkeit machen Laune.
Eine „Chill Pill“ brauchen La Sécurité aber noch lange nicht, denn der musikgewordene Dynamo weiß zu unterhalten. Der gleichnamige Track legt bunte, leicht verschrobene Melodien über ein noisiges Fundament und taumelt durch verklärte Landschaften. Hier kann man sich wunderbar verlieren, wie auch im scharfkantigen „Power Snoozer“, das mit wachsender Begeisterung Druck ausübt, während die Gitarren gedankenverloren durch luftleeren Raum kreisen. Klingt seltsam, geht aber ebenso ins Ohr wie der vergleichsweise klassische Post-Punk-Song „Trixie“, dessen düstere Abgründe von einer wahren Energieleistung kaschiert werden.
Derlei Schein-Abgründe gehören zu dieser halben Stunde einfach dazu und machen das Album erst so richtig unterhaltsam. „Bingo!“ balanciert alles andere als sorgsam an einem steilen Abhang und hält sich doch stets aufrecht, während der Wahnwitz zunimmt. Tatsächlich strecken La Sécurité ihre Fühler noch weiter aus und tanken sich durch verschiedene kunstvolle, tanzbare und unorthodoxe Punk-Gefilde mit wachsender Begeisterung. In jedem einzelnen Track steckt unheimlich viel Energie, begleitet von der Kraft eines bestens aufgelegten Kollektivs und dem Drang nach musikalischem Ausdruck. Ein starkes zweites Album steht den Kanadier:innen richtig gut zu Gesicht und sollte nicht nur auf Festivals auf bekömmliche Weise durchdrehen lassen.
Wertung: 4/5
Erhältlich ab: 12.06.2026
Erhältlich über: Mothland / Bella Union (Bertus)
