LIFE – Abstract / Natural

LIFE waren immer schon etwas anders als die anderen. Ihre Post-Punk-Vision legten sie so breit wie möglich aus, zudem spielte die Heimat im britischen Norden stets eine zentrale Rolle. Zuletzt gab es mit „North East Coastal Town“ eine kleine Hommage an Hull. Für den Nachfolger denkt man größer. Alles fing mit einem einem Poesiebuch an, das Frontmann Mez Sanders-Green momentan schreibt, beeinflusst von britischer Folklore, kleinen und großen Geschichten, sowie einer Küstenwanderung von über 300 km, von West nach Ost. Wenig überraschend öffnet sich „Abstract / Natural“ weiter und fällt stellenweise eingängig, ja sogar dezent poppig aus.
Bestes Beispiel für diesen neuen, alten Weg, ist die eindringliche Leichtigkeit von „Thistles Kiss“, die maximal so gerade eben eine unterschwellige Schwere verbergen kann. Kann es so etwas wie melancholische Aufbruchstimmung wirklich geben? Der schimmernde Synthie-Teppich mit Muzak-Flair und Sanders-Greens geflüsterten bis gesprochenen Vocals verharrt eine Minute lang in bizarrer Stasis. Dann setzt die Band ein, drapiert etwas Post Punk rundherum und kollidiert mit Sinnsuche. Aus dem Keyboard fallen tragische Töne, die Traurigkeit ist greifbar, nur um von hymnischen Backings in eine deutlich gigantomanischere, poppige Richtung gedrängt zu werden.
Es dauert ein wenig, bis sich dieser Track findet. Einfacher ist es da schon mit „Sun In Nancy“, das lautstark mit der Tür ins Haus fällt und dann erst einmal an die schrägen letzten Platten anknüpft. Verschwitzte Intensität macht sich breit. Auch die Hektik von „The Dollywaggon“ kennt man bestens, bevor der spitze Refrain aus dem Nichts abhebt und eine lässige Hook aus dem Ärmel schüttelt. Und gleich wieder zurück – was ist denn hier eben passiert? „My Yan“ kann und will das nicht beantworten und stürzt sich stattdessen in fünf unentschlossene Minuten. Der vertonte Bewusstseinsstrom überrascht mit einem Strauß Melodien. Davon möchte „Morning Fog“ nichts wissen und verbirgt sich hinter schemenhafter Reduktion – ein nebulöser Abgang.
Was hier eben tatsächlich passiert ist, will sich zumindest anfangs nicht so recht erschließen. LIFE überfordern erst einmal, was im Grunde alles andere als eine neue Erkenntnis sein sollte. Das ‚Wie‘ ist hingegen klar: Während sich die Briten natürlich nicht von Post Punk verabschieden, treiben sie dessen Abstrahierung einmal mehr konsequent und effizient voran. Mehr Keyboards und Synthesizer, Indie Rock und sogar Britpop mischen mit, wenn „Abstract / Natural“ seinen Platz sucht und letztlich doch findet. Auf bizarre Weise zugänglicher und herausfordernder denn je, steuern LIFE neue Ufer mit vertrauten Mitteln an – eine mutige Entscheidung, die sich auf diesem Album hörbar lohnt.
Wertung: 4/5
Erhältlich ab: 19.06.2026
Erhältlich über: Launchpad+ / EMI North
Website: www.lifeband.co.uk
Facebook: www.facebook.com/lifebanduk
