James Ellis Ford – Lost In Another World

James Ellis Ford
(c) Dan Wilton

Selbst wenn man gerade keinen zur Hand hat, kann man vor James Ellis Ford nur den Hut ziehen. Als Teil von Simian Mobile Disco und The Last Shadow Puppets bleibt er musikalisch umtriebig, produziert Größen wie Pet Shop Boys, Depeche Mode und Gorillaz, und schreibt nebenher auch noch den einen oder anderen Solosong. Anfang 2025 wurde bei ihm eine aggressive Form von Leukämie entdeckt, mehrere Chemotherapie-Zyklen folgten. Der Antrieb, dennoch Musik zu machen, erfolgte nach eigenen Angaben aus purer Langeweile. Binnen zwei Wochen – im Krankenhaus, auf Station, bei Blutdruckmessungen – entstand „Lost In Another World“, sein zweites Soloalbum.

Dass beispielsweise der eröffnende Vorbote „Overtones“ lässig vor sich hinblubbert und neben den leichtfüßigen Vocals (Ford sang teils besonders leise, um den Bettnachbarn nicht zu stören) ein Meer feinsinniger Synths und Melodien bietet, ist natürlich eine faustdicke Überraschung. Zugleich bereitet dieser bewegende wie bewegte Track prima auf die weitere Platte vor. „Homesick For Another World“ trägt Melancholie im Titel, bewegt sich aber erstaunlich flott. Die heiße Sohle darf ein wenig qualmen, während der synthetische Teppich immer enger werdende Verwebungen nach sich zieht und durch vorwitzige, spitzfindige Intensität glänzt.

An anderer Stelle taucht „Parallel Dimension“ in verträumte Gefilde ab, überrascht mit Beatles-Chic und ist doch Ford in Reinkultur. Das endlose Schweben im luftleeren Raum begeistert und verstört abwechselnd. Auch „‚Till Our Days Are Gone“ trägt den Weichzeichner in sich, lässt den Beat lauter und forscher werden, tanzt dem letzten Vorhang entgegen. Drei lange Tracks zum Schluss zeichnen eine spannende Reise. „The Ever After“ befasst sich mit dem Leben nach dem Tod auf clubbige Weise, mit Simian’scher Wucht, bevor das semi-balladeske, reduzierte „Did You Ever Want To Go To Your Own Funeral?“ binnen Sekunden zum emotionalen Höhepunkt reift. Das versöhnliche „This Will All Be A Memory Soon“ lässt das Ende hingegen bewusst offen.

Welches ‚Ende‘ Ford, der auf der Intensivstation den Charity-Sampler „HELP(2)“ produzierte, erwartet, ist aktuell noch ein wenig offen. Sein jüngstes Update klang positiv – zwar sei er noch nicht offiziell über den Berg, aber zumindest stünden aktuell keine weiteren Behandlungen an. Alle Daumen für vollständige und dauerhafte Gesundung sind gedrückt. Ob man „Lost In Another World“ unabhängig davon bewerten kann – schwer zu sagen. Tatsache ist das Ergebnis mehr als nur bemerkenswert, ernst und leichtfüßig zugleich. Fords zweites Solowerk setzt sich auf beeindruckende Weise über zermürbende Umstände hinweg und schafft synthetische Popentwürfe mit Herz, Drive und Elan. Großes Kino von einem großen Musiker, dem man viel Gesundheit wünscht.

Wertung: 4/5

Erhältlich ab: 14.08.2026
Erhältlich über: Domino Records

Website: jamesellisford.com
Instagram: www.instagram.com/james_ellis_ford