Julia Jacklin – The Gem

Julia Jacklin
(c) James J. Robinson

Das vergangene Jahr stand für Julia Jacklin im Zeichen des Umbruchs. Nach drei Alben und jahrelang pausenloser Tour stand die Australierin ohne Plattenvertrag da, befand sich auf der Suche nach einem neuen Management und musste sich erstmals nicht mit großen Erwartungen auseinandersetzen. Diese gleichermaßen befreiende und beängstigende Zeit führte sie dazu, erstmals in Melbourne in einem Studio oberhalb ihrer Lieblingskneipe aufzunehmen. Nach einer letztlich verfrühten Listening Party merkte die Australierin, dass sie zu wenig daran dachte, ob ihr die neuen Songs auch wirklich gefallen. Elf weitere Monate Studioarbeit später steht nun „The Gem“ in den Startlöchern.

Einer jener Songs, den Jacklin während der kreativen ‚Verlängerung‘ komplett neu dachte, ist der Opener „Brand New“. Treibender Rhythmus, gegen imaginäre Windmühlen kämpfende Stimme und kraftvolle Präsentation ergeben einen wahren Sog, der auf ein folkig-verspieltes Crescendo zuarbeitet und dabei understatet bleibt. Eingängig und doch energisch, das ist eine der großen Stärken dieser Platte. In diese Kategorie fällt beispielsweise die Indie-Folk-Perle „The Hardest Thing“, die Jacklin souverän und abgeklärt trägt, stimmlich zuweilen über sich hinauswächst und nebenbei eine angenehm schwerfällige, eindringliche Melodie aus dem Ärmel schüttelt.

Unbestrittenes Highlights ist jedoch der sechsminütige Gigant „Walk On Me“, der sich zunächst in bester Slowcore-Manier vorsichtig, beinahe schüchtern vorantastet, dabei aber Ansätze einer wahren Energieleistung zeigt. Ab der Hälfte wird der Track immer lauter und intensiver, bevor ein Meer an Distortion schließlich das Heft in die Hand nimmt und immersive Vokal-Akrobatik umrahmt. Im Gegensatz dazu liegt die Würze von „Get Away From Me (I Think I’ll Love You Soon“) in der Kürze. Das merkt man vielleicht nicht am Titel, wohl aber am flotten Indie-Charme samt Country-Einschlag. Und auch „God Sometimes“ glänzt durch seine massive Hook, selbst wenn der Track beinahe an die Wand drückt.

Derlei gemächliche Eskalation zählt zu den großen Stärken dieses vierten Soloalbums, das Julia Jacklin bestens aufgelegt und noch eine Spur selbstbewusster klingen lässt. Tatsächlich ist nicht zu überhören, dass sich die Australiern vollends in ihrem Element befindet, um Welten freier und beherzter aufspielt. Das heißt natürlich keinesfalls, dass die mehr als unterhaltsamen Vorgänger schlecht gewesen wären, ganz im Gegenteil, doch steckt in „The Gem“ mehr Jacklin denn je. Durch die Bank kurzweilige Songs, spannende Slowcore-Exkurse und gewohnt packende Texte schaffen einmal mehr willkommene Magie. Eine Sängerin und Songwriterin in Bestform findet mehr denn je ihren Weg.

Wertung: 4/5

Erhältlich ab: 25.09.2026
Erhältlich über: 4AD / Beggars Group (Indigo)

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