Teen Suicide – Nude descending staircase headless

Raus aus dem kleinen Zimmer und rein ins ordentliche Studio: Jahrelang veröffentlichte Sam Ray mit verschiedenen Mitstreitern als Teen Suicide sympathische, energische, aber auch verträumte Lo-Fi-Songs. Seit bald acht Jahren gibt es ein fixes Line-up als Duo mit Ehefrau Kitty Pryde, Rays schwere gesundheitliche Probleme der letzten Jahre scheinen überwunden, zudem besteht nun eine etablierte Tour-Besetzung für ordentlich Live-Präsenz. „Nude descending staircase headless“ weicht dennoch vom vertrauten Homerecording-Prozess ab und wurde erstmals mit umfassender Instrumentierung und ordentlicher Produktion aufgenommen. Das steht der Band erstaunlich gut zu Gesicht.
Die bratenden, fast metallischen Gitarren von „Idiot“ überraschen mit ihrer Vehemenz und passen prima zum schroffen Alternative-Sound, der mittendrin in sich zusammenfällt. Statt Post-Grunge ziehen sich Teen Suicide zurück, bemühen filigranen Minimalismus und heben erst spät erneut ab – sehr eigentümlich und sympathisch. Wie auch „Hypnotic poison“, dessen kantiger Drive erst einmal kräftig überrascht und gleichzeitig nach Antworten auf ungestellte Fragen sucht. Wieder und wieder dreht der Track mächtig auf, bevor süßliche Melodien und melancholische Schwere alles auf den Kopf stellen.
„Everything in my life is perfect“ trägt natürlich ein gewisses Maß an Sarkasmus in sich, speziell wenn Rays Stimme anfänglich zu Lo-Fi-artigen Klängen ertönt. Es ist dies aber selbstverständlich kein Rückfall in längst vergangene Tage, sondern bereitet einen energischen Schlussakt vor, dessen kleiner Zwischensprint mindestens so viel Freude macht wie das Indie-Schrammeln von „Suffering (Mike’s way)“ mit kleinen Querverweisen auf späte Hüsker Dü und deutlich jüngere College-Rock-Acts. In „Not born to run“ hat der Boss mal eben keine Zeit und macht stattdessen Platz für einsame Vocals, die im bewusst weit gefassten instrumentalen Rund verloren wirken – schmerzhaft und immersiv zugleich.
Wenig überraschend fällt das Ergebnis hochgradig verwirrend und doch angenehm eingängig aus. Selbstverständlich wagen Teen Suicide einen großen musikalischen Sprung, beschreiten nicht nur angesichts der kraftvollen, ausdifferenzierten Produktion neue Wege und lassen sich in verschiedene Richtung ziehen. Unerwartete, rohe Härte, feinsinnige Melodien und frische Interpretationen alter Lo-Fi-Ansätze finden auf „Nude descending staircase headless“ zusammen, und das umreißt den Sound der neuen Platte bestenfalls sehr ungefähr. Vor allem ist es die unvorhersehbare Intensität, die das erste ‚echte‘ Studioalbum des Duos so spannend und mutig gestaltet. Teen Suicide zeigen sich auch mit neuen Möglichkeiten bärenstark.
Wertung: 4/5
Erhältlich ab: 17.04.2026
Erhältlich über: Run For Cover Records (Cargo Records)
Instagram: www.instagram.com/realteensuicide
