Get Well Soon – Séance

Get Well Soon
(c) Get Well Soon

20 Jahre Get Well Soon, das ist ohne Frage ein Grund zu feiern. Konstantin Gropper tut das mit gleich zwei Alben, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Bereits vor fünf Monaten erschien mit dem charmanten „Minus The Magic“ eine packende Bandplatte, so energisch, forsch und leidenschaftlich wie selten. Nun folgt das, was er seine ‚Gothic-Platte‘ nennt. In einem umfangreichen KI-Feldversuch wollte Gropper ursprünglich mit einem nicht-menschlichen Sparringspartner arbeiten. Das Unterfangen scheiterte, und so wurde „Séance“ letztlich zu einem Album über Künstliche Intelligenz, die für den Get Well Soon-Mastermind in ihrer Kommunikation etwas mit Geisterbeschwörung gemein hat.

Dieses Mal gab es nur drei Mitmusiker – Alex Mayr und Verena Gropper (seine Schwester) am Gesang, Paul Kenny am Schlagzeug – während gleich fünf langjährige Produzentenpartner je zwei Songs fertigstellten. Die KI machte Gropper nur noch mehr Arbeit, wie er zu Protokoll gibt. „You Need Me“ war ursprünglich ein künstlich generiertes Gedicht darüber, warum man diese Technik denn benötigt – voller Warnungen, versteckter Drohungen und mangelndem Verantwortungsbewusstsein. Nichts davon stand in der Vorgabe und so wurde der Vortrag stark umgebaut. Als überlanger Rausschmeißer platziert, zieht der synthetisch befeuerte Marsch mehr und mehr in eine imaginäre Tiefe und verhallt gar gespenstisch.

„The Wreck Of The Deutschland“ ist eine intensive Auseinandersetzung mit Menschlichkeit (ein weiterer gescheiterter KI-Versuch sollte ein Gedicht von Gerald Manley Hopkins übersetzen und ’singbar‘ machen). Wenn schon Menschen offenkundig nichts aus der Vergangenheit lernen, wie soll das einer Maschine ohne Moral gelingen? Beiläufiges Funkeln bemüht eine fatalistische Spirale beklemmender Leichtfüßigkeit. Die unwirklich leuchtende Bedrohung von „Goth 101“ spuckt zarte Verse aus, in den Tiefen des Arrangements versteckt, während „Siri, What Ruined The West?“ aus Gesprächen mit Chatbots bedeutender verstorbener Persönlichkeit Kapitalismus und soziale Medien als Grund für Unzufriedenheit und Ungleichgewicht ausmacht. In Verbindung mit entstellten Darkwave entsteht ein weiteres Kaleidoskop zugänglicher Finsternis.

Ein ellenlanges, mit zahlreichen Samples und Filmzitaten gespicktes Album später bleibt ein sämtliche Sinne betäubendes Gefühl zurück, das Geister beschwört und diese anschließend nie wieder rufen möchte. „Séance“ ist ohne Frage ein eigenwilliger, ungewöhnlicher Ansatz für das allgegenwärtige KI-Thema, dessen mitunter gefährliche Spirale sich erst jetzt so richtig losdreht. Konstantin Gropper verpackt das in eines der bislang ungewöhnlichsten Get Well Soon-Werke, das zwar sämtliche Trademarks eines solchen in sich trägt, diese jedoch zumeist und mit wachsender Begeisterung ad absurdum führt. Gothic-Charme, 80s-Finsternis und dennoch zwingender, kraftvoller Pop der alternativen Sorte schnüren die Kehle zu, innige Umarmung inklusive.

Wertung: 4/5

Erhältlich ab: 30.10.2026
Erhältlich über: Scarlet Beast Records

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