Delilah Holliday – Fat Cat

Eine Zeit unfassbaren Schmerzes liegt hinter Delilah Holliday. Während ihrer Schwangerschaft verstarb erst ihr Onkel Simon, der für sie wie ein Mentor war, dann die geliebte Großmutter. In dieser Phase entstand der Großteil ihres ersten Albums, kurz darauf verlor sie ihr ungeborenes Kind. Nicht in Worte zu fassender Schmerz und tiefste Trauer wurden in pointierten Sozialkommentar verwandelt, eine Kritik moderner Gesellschaftsstrukturen und kapitalistischer Institute, semi-autobiographisch verarbeitet. „Fat Cat“ setzt sich auch musikalisch ähnlich roh und immersiv über Grenzen hinweg und findet eine eigene Sprache.
Bereits der eröffnende Titelsong bricht Konventionen mit der Breakbeat-Brechstange auf: „Fat Cat“ geht mit Karacho auf Reichtum und Überfluss ein, während andere leiden. Gott hat einen Plan, befindet Holliday, und schafft damit einen unbequemen, wütenden Kontrast. Kontrastprogramm setzt „Formless“ mit TripHop-Beats und gemächlichem Tempo. Es ist der komplette Zusammenbruch der eigenen Identität, angesichts des verheerenden persönlichen Hintergrunds noch eine Spur drastischer gestaltet. Der zunehmend manische Fluss nähert sich einer Spirale der Finalität, eingebettet in meditative Atemlosigkeit.
Die zersetzte Deepness von „Free State“ kehrt zurück ins Politische, umgeben von lauten Beats und einer wuchtigen, wütenden Spoken-Word-Performance, die kaum drastischer ausfallen könnte. Es riecht nach kompletter Abrechnung mit der globalen Abwärtsspirale. Dass sich davor ein Track wie „God Willing“ positioniert, kann alleine ob des Titels bereits entsprechend ausgelegt werden. Bleierne Leichtigkeit ist ein gekonnter Widerspruch – und bei weitem nicht der letzte auf diesem Album. In „Skyline“ ist die Suche nach dem Funken Hoffnung hingegen laut, deutlich und ausdauernd. Das Überdauern und Überstehen landet in gespannter Sinnsuche, während der Mond die Stadt sachte erhellt.
Präzise kanalisierte Überforderung inmitten einer Phase, die eigentlich keine Präzision zulassen sollte: Was Delilah Holliday auf ihrem ersten kompletten Album abliefert, ringt höchsten Respekt ab. Hier verschmelzen persönliche Tragödie und ein Call to Arms gegen alles, was aktuell so richtig beschissen läuft, auf lautstarke Weise. Und lautstark ist „Fat Cat“ ohne Frage, befasst sich mit Electronica, Pop und TripHop aus den verschiedensten Perspektiven. Feinsinniges Understatement und gelegentliche Melodien hier, wummernde Wucht und verschachtelte Anti-Beats da – und trotzdem passt letztlich doch alles zusammen. Das hier braucht Zeit, wie so viele Dinge im Leben, und ist richtig gut.
Wertung: 4/5
Erhältlich ab: 28.08.2026
Erhältlich über: One Little Independent Records (Bertus)
Website: delilahholliday.com
Facebook: www.facebook.com/delilahholliday
