Leaves‘ Eyes – Njord

(c) Napalm Records

Mit einem Knalleffekt stürmen sich Leaves‘ Eyes aus der zweiten Elsenliga gen Spitze. War die überaus internationale Gothic-Metal-Band um das Ehepaar Live Kristine und Alexander Krull bislang immer sehr lieblich bis wässrig-folkig unterwegs, stellt sich „Njord“ als gewaltiger Sturm an die Genre-Spitze dar, als intensiver Überraschungscoup.

Bereits die Eckdaten zu „Njord“ versprechen Gänsehaut-Gigantomanie. Liv Kristine singt in acht verschiedenen Sprachen (Englisch, Altenglisch, Norwegisch, Französisch, Mittelhochdeutsch, Isländisch, Gälisch und eine fiktive Sprache) erneut über Wikinger und nordische Gottheiten. Unterstützt wird sie dabei unter anderem vom Lingua Mortis Orchestra unter der Leitung von Rage-Vokuhilisten Victor Smolski, wobei sich die klassischen Musiker angenehm im Hintergrund drängen und rein für atmosphärische Untermalung sorgen.

Bereits der eröffnende Titeltrack „Njord“ weiß zu begeistern. Liv Kristine schwebt über diesem erhabenen Song zwischen Chor und dem gelegentlichen Gegrunze von Alex Krull, der dem Song einen rauen Unterton verleiht. Hinter diesem majestätischen Einstieg wartet die wesentlich mainstreamigere Single „My Destiny“, gespickt mit einigen Shouts und einer Nightwish-Melodie. Was flach klingt, funktioniert allerdings hervorragend dank bewegender Umsetzung und geschickt eingesetzten Streichern.

Wirkliche Balladen gibt es eigentlich kaum, diese fallen mit dem folkig angehauchten „Irish Rain“ und dem mittelhochdeutschen „Morgenland“ noch dazu amtlich aus. Viel mehr überwiegend die bombastischen Hymnen, ebenfalls sehr stark. „Ragnarok“ setzt vor allem auf Atmosphäre, springt zwischen Nightwish-Parts und – dank Krull – Parallelen zu Primordial und Sólstafir hin und her. Mit dem Uptempo-Song  „Take The Devil In Me“ hat man noch dazu einen potentiellen, allerdings nicht zu offensichtlich anbiedernden Singlehit im Gepäck.

Überhaupt fällt hier auf, wie locker Leaves‘ Eyes mit Nightwish mithalten können. Liv Kristine hat vielleicht nicht die kräftigste Stimme, dafür aber die richtigen Songs – in punkto Songwriting ist „Njord“ ein Highlight. Dafür sorgen vor allem zwei Songs: „Scarborough Fair“ ist die Adaption eines englischen Traditionals, relativ hart, gezeichnet von ausladenden Soli und gespickt mit Uilleann Pipes und Whistles – gehört sicherlich mit zu den absoluten Highlight im Repertoire dieser Band; ebenso wie „Frøya’s Theme“, das in gut acht Minuten das komplette Album zusammenfasst, rasant wütende, auslandend orchestrierte und zart folkige Parts (der mittelhochdeutsche Spoken-Word-Teil bedeutet Gänsehaut in Reinkultur) zu einem wahren Fest aufbereitet.

Nach einem ausgedehnten Schattendasein ist Leaves‘ Eyes mit „Njord“ der ganz große Wurf gelungen. Besonders in punkto Songwriting hat man sich unheimlich gesteigert, das mit einbezogene Orchester bereitet außerdem Gänsehaut und Liv Kristine setzt ihre Stimme besser ein. Und nicht zuletzt: Stimmung zwischen Nightwish und – zumindest stellenweise – Primordial. Ganz großes Kino, da müssen sich Within Temptation diesen Herbst ordentlich strecken.

28.08.2009
Napalm Records (Edel Music Distribution)
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