Slow Leaves – The Ruins Of Things Unfinished

Wie wirken sich generationenübergreifendes Trauma und implizierte Familiendynamiken auf die eigene Entwicklung und auf folgende Generationen aus? Die stille und leise Zerbrechlichkeit enger Beziehungen macht Grant Davidson zum Thema für sein neuestes Album. Vererbung, Verantwortung und Heilung sind die Eckpfeiler für Slow Leaves, die die Auseinandersetzung mit Unbehagen als Zeichen von Fürsorge identifizieren und gleichzeitig das Leben an sich in Verbindung mit der eigenen Kreativität stellen. Was sich komplex und erdrückend liest, ergibt in „The Ruins Of Things Unfinished“ ein gewohnt bewegendes, intensives Gesamtbild der zarten Töne.
Das vorab veröffentlichte „Don’t Fret“ zählt zu den Eckpfeilern dieser Platte und verbindet lockere, eingängige bis vorsichtig hoffnungsvolle Klänge mit der Hoffnung, Einsamkeit durch Liebe zu lindern. Davidson schreibt nach eigenen Angaben keine traurigen, sondern einsame Songs, was hier natürlich prima ins Bild passt. „Happen Like That“ lässt die gesamte Begleitband strahlen, wenngleich das Tempo bewusst zurückgeschraubt wurde, sich auf verspielte Schwere besinnt und geradezu gemächlich durch die Szenerie schreitet. Diese behutsame Präzision wird von einem kurzen, aber intensiven Solo mit Country-Einflüssen gekonnt torpediert – eine willkommene Überraschung.
Ein weiteres Herzstück des neuen Albums, alleine schon aufgrund der Spielzeit, ist „Could’ve Been Something“. Sechseinhalb schwerfällige und zugleich anmutige Minuten arbeiten sich in ausgesuchter Gemächlichkeit nach vorne, bringen erneut Country- und Folk-Melancholie ein, ohne sich auch nur eine Sekunde aus der imaginären Reserve locken zu lassen. Der konstante Fluss purer Beklemmung setzt ungeahnte Schönheit frei. Vergleichsweise forsch und beschwingt fällt „Over It“ aus, ein seltener Rocksong von Slow Leaves. Der vorwitzige, gewohnt folkige Drive macht Laune, der Track geht nicht mehr aus dem Ohr. Dort wartet bereits „Out Of Time“, das bewegende Singer/Songwriter-Stück zum Abschluss.
Binnen Sekunden zieht dieser Longplayer in einen schwer in angemessene Worte zu kleidenden Sog und lässt nicht mehr los – einfühlsam, filigran und doch mitten aus dem Bauch heraus. Davidson schafft es wie nur wenige, die stillen Momente des Lebens, die kaum wahrnehmbaren Zwischentöne, authentisch und leidenschaftlich zu Musik zu machen. Dabei stellen sich Slow Leaves angenehm vielschichtig auf, von klassischen Folk- und Singer/Songwriter-Tönen über kurze Rock-Exkurse bis hin zu feinsinnigem Country. „The Ruins Of Things Unfinished“ kämpft gegen Trauma-Windmühlen und geht energisch weiter – vielleicht nicht mehr ganz so einsam, doch so bewegend und intensiv wie immer.
Wertung: 4/5
Erhältlich ab: 01.05.2026
Erhältlich über: Make My Day Records (Indigo)
Website: slowleaves.com
Facebook: www.facebook.com/slowleaves
