Interpol – This Mirror Weighs A Ton

Eine zarte Erweiterung der Klangpalette 2022, zwei Jahre später der bislang größte Auftritt vor über 200.000 Menschen in Mexiko, jetzt fortschreitende Revolution: Interpol schicken sich einmal mehr an, die scheinbar permanente Nacht, die ihren Sound begleitet, zumindest stellenweise hinter sich zu lassen. Dafür arbeiteten sie mit Produzent Andrew Wyatt, der sich unter anderem durch seine Arbeit mit Rosalía und Charli XCX einen Namen gemacht hat. Ganz so weit lehnt man sich zwar nicht aus dem imaginären Fenster, traut sich aber ein paar Experimente zu – neue Harmonien, Streicher, akustische Gitarren und durchaus unorthodoxe Songstrukturen. „This Mirror Weighs A Ton“ winkt erstaunlich freundlich.
Das eröffnende Doppel bringt Alt und Neu gekonnt zusammen. Im Titelsong „This Mirror Weighs A Ton“ reduzieren Interpol ihren Sound auf das Wesentliche. Inzwischen wieder zum Quintett angewachsen, bekommen Bass und Keyboard eine prominentere Rolle zugewiesen. Sympathische Synth-Pop-Einwürfe und kunstvolle Leisetreterei nebst kräftigem Beat machen Laune. Pauls Banks‘ Stimme verschmilzt wieder und wieder mit der Musik. Danach zieht es „See Out Loud“ in vertraute Gefilde – düster, brodelnd, dabei angenehm lebhaft und mit einer großartigen Hook ausgestattet. Sogar Drummer Daniel Kessler singt kurz, zum ersten Mal seit dem Einstand.
Frische Ideen und Vertrautes wechseln sich in weiterer Folge ab. „So Rides The Reindeer“ platziert sich erst einmal gekonnt zwischen den imaginären Stühlen. Brandon Curtis (Secret Machines) zeigt seine ganze Klasse als neuer Keyboarder, der Track führt in eine Art Malström und nimmt zugleich die vertraute Energie früherer Platten mit. Helles Licht torpediert die Nacht. Im Vergleich dazu wirkt „Bird And The Serpent“ konventionell, wenngleich der Spagat zwischen dem mächtigen Basslauf und luftigen Drums die etatmäßige Atmosphäre geschickt ins Gegenteil verkehrt. „Wounded Soldier“ lässt immer wieder kurze, effektive Druckwellen los, die Gitarre tänzelt luftig und gedankenverloren. Und auch das unwirkliche, verwaschene Piano-Synth-Stück „Sudden“ ist großes Kino.
Erst wird man auf dem falschen Fuß erwischt, dann ist aber letztlich doch alles eitel: Bereits auf ihrer letzten Platte deuteten Interpol den einen oder anderen kreativen Ausbruchsversuch an. Nun wird endlich durchgezogen, ohne Rücksicht auf Verluste. Fans früherer Alben bekommen düstere Magie serviert, wenngleich in etwas anderer Dosierung. Vieles auf „This Mirror Weighs A Ton“ muss erst wachsen, sich durch mehrere Durchläufe entfalten, zudem bemühen Opener und Finale durchaus mächtige Stilbrüche. Dass all das aufgeht, zwischen Art Pop und Indie-Sinnsuche nebst weiterhin gelegentlicher Finsternis der Nacht, spricht für die Qualität dieser einmal mehr gewachsenenen Band, die kurz vor dem 30. Geburtstag weiterhin für angenehmstes Aufsehen sorgt.
Wertung: 4/5
Erhältlich ab: 28.08.2026
Erhältlich über: Partisan Records
Website: www.interpolnyc.com
Facebook: www.facebook.com/interpol
