Protomartyr – Hotel Usona

Zurückhaltung – vornehm oder anderweitig – war noch nie die Stärke von Protomartyr. Seit mehr als 15 Jahren verbindet das Quartett aus Detroit zunehmend experimentell veranlagten Post Punk mit klarer Kante. Drei Jahre nach dem herausragenden „Formal Growth In The Desert“ ringen sie mit einer in so ziemlich jeder Hinsicht beschissenen Gegenwart und alles andere als hoffnungsvollen Zukunftsaussichten. In „Hotel Usona“ stellt sich Frontmann Joe Casey sein Heimatland als alterndes, zunehmend verfallendes Hotel vor und betrachtet eine Nation im freien Fall, die sich in den Fängen des Faschismus befindet.
Es ist kein schöner Anblick, wenn Protomartyr „The Old Hotel“ betreten, wiewohl die ominösen Klänge der zunächst locker angeschlagenen Gitarre schnell fesseln. Aus dem Nichts erfolgt die Abfahrt in die zwischenmenschliche Hölle. Die Sinne versagen, die Geschichte eines einst stattlichen Hauses wird dem Verfall preisgegeben. Gründe dafür gibt es viele. „Third Country“ befasst sich mit Deportationen und setzt weitestgehende auf arty instrumentale Verfremdung. Die erste Hälfte tänzelt durch die schummrige Empfangshalle, später scheint das Orchester auf der Titanic den Untergang von Anstand und Ethik zu begleiten.
Dass es in „The Knife Dream“ um Gewalt geht, hört man dem trippigen Arrangement erst einmal nicht an. Da schwingen Töne mit, die man so eher von Portishead erwarten würde. Dass sich der imaginäre Himmel mit der Zeit verfinstert, kommt kaum überraschend, begleitet von Blechbläsern und Drum’n’Bass-artigem Schlagzeugspiel. Das Brodeln in „Converts“, ein Song über J.D. Vance, führt immer wieder auf die falsche Fährte. Eine der besten Melodien der Bandgeschichte ringt um Fassung. Die volle Härte der Herren aus Michigan setzt es hingegen in „Feed The Sewer“, eine vertraute Mischung aus Post Punk und Noise Rock, die mit drastischen Gesten KI-Risiken thematisiert. Und dann ist da noch „Checking Out“, der überlange Abgang, der das Elternwerden in Zeiten von Krisen und Unruhen thematisiert. Wieder und wieder bricht es aus Casey förmlich heraus.
Zwar erreichen Protomartyr das exorbitante Niveau des Vorgängers nicht komplett, pendeln sich aber auf gewohnt starkem Niveau ein. Wut, Frust, etwas Resignation und gelegentlich durchschimmernde Hoffnung tragen eine erneut experimentelle Platte, die durchaus Vergleiche mit dem aktuellen Interpol-Streich zulässt. Klar, der Ausgangspunkt beider Bands mag ein anderer sein, doch eint sie eine deutliche Erweiterung des jeweiligen musikalischen Mikrokosmos, der kunstvolle bis poppige und elektronische Leichtigkeit mit spürbarer Schwere verbindet. Protomartyr spielen sich frei, während die Welt die Luft abschneidet – ein herausfordernder, stets lohnenswerter Kunstgriff.
Wertung: 4/5
Erhältlich ab: 25.09.2026
Erhältlich über: Domino Records
Website: protomartyrband.com
Facebook: www.facebook.com/protomartyr
