Rustin Man – Drift Code

Rustin Man

Im Herbst 2002 veröffentlichte Portishead-Sängerin Beth Gibbons das grandiose „Out Of Season“. An ihrer Seite war ein gewisser Rustin Man, ein Pseudonym des ehemaligen Talk Talk-Bassisten Paul Webb. Kurz nach dem Release begann er mit den Arbeiten an einer Solo-Platte. Warum „Drift Code“ erst jetzt erscheint? Webb gründete eine Familie, hatte zwei Töchter, baute eine alte Farm zum Wohnraum und Studio um, und nahm schließlich Instrument für Instrument, Track für Track, mit nur wenig Unterstützung auf. Prominentester ‚Mitstreiter‘ ist ohne Frage Schulfreund Lee Harris, mit dem er bereits gemeinsam bei Talk Talk und .O.rang spielte.

Mans Songs einer Genre-Schublade zuzuweisen, wird schwierig. Mit den größten Hits seiner bekanntesten Band, wie „It’s My Life“ und „Life’s What You Make Of It“, haben sie nichts gemein – am ehesten noch mit dem Talk Talk’schen Spätwerk. Art Rock, ein wenig Post und ganz viel Gefühl ziehen sich wie ein roter Faden durch 38 spannungsgeladene Minuten, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Da wäre beispielsweise „The World’s In Town“, eine beinahe sechsminütige Tour de Force, behutsam aufgebaut und entfernt an die finale Bowie-Platte erinnernd. Große Kunst spielt sich hier vor allem zwischen den Noten ab, während der Track immer lauter, schroffer und entstellter wird.

Wie wäre es mit dem meditativen „Vanishing Heart“ samt Desert-Einschlag? Wie Man über die Tonleiter tanzt und wüste Harmonien in den Refrain einbaut, erinnert an die Größen des Genres, das Arrangement bleibt hingegen ruhig, nachdenklich, gefestigt – ein erhabener Moment kompletter Ruhe im alltäglichen Chaos. Das eindringliche Finale reißt mindestens so mit wie das folgende „Judgement Train“. Tatsächlich wähnt man sich hier auf einem fahrenden Zug gen Chaos, angenehm scharfkantige Gitarren-Einschübe und das Piano entstellen und zerfetzen. Dem gegenüber stehen die fragile Ballade „All Summer“, ein Moment nahezu perfekter Reduktion, sowie der bluesige Ausflug „Our Tomorrows“.

Fast wirkt es so, als hätte Rustin Man alles, was ihn in den letzten 16 Jahren musikalisch bewegte, in einen Topf geworfen und kräftig umgerührt. Fast jeder Track auf „Drift Code“ klingt anders und lässt sich, dem Albumtitel entsprechend, treiben. Man hört dieser Platte seine lange, aufregende Entstehungsgeschichte in jeder Note an. Auch wenn es manchmal schwer fällt, den roten Faden zu erkennen, so weiß Webb unter diesem Pseudonym doch zu unterhalten und mitzureißen. Das hier geht unter die Haut.

Rustin Man - Drift Code

Drift Code
VÖ: 01.02.2019
Domino Records (GoodToGo)

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